... 

Marionetten von John le Carré

Zoom Produkt-Bild: Marionetten
Gebundene Ausgabe von Ullstein Hc
Preis bei Amazon: EUR 22,90, Angebote ab EUR 11,20

3,5 von 5 Punkten 3,5 von 5 Punkten (durchschnittliche Bewertung)
ISBN: 355008756X, Erscheinungsdatum: November 2008

Aus der Amazon.de-Redaktion



Interview mit John le Carré

Frage:
In welcher Beziehung steht Ihr neues Buch zu den bis­he­ri­­gen? Stellt es eine Rückkehr zu Ihrem alten Stil dar, oder sehen Sie darin eine neue Richtung?

Antwort: Darüber muß die Kritik befinden. Und mit dem kritischen Prozeß habe ich ja nichts zu tun. Ich mag dieses Buch jedenfalls sehr. Ich hatte von Anfang an ein gutes Gefühl. Ich mußte meine Figuren nur anstupsen, schon lief alles so, wie ich wollte. Ich bin die Geschichte mit ziemlich viel Wut angegangen, und meine Figuren haben die­­­­se Wut für mich zum Ausdruck gebracht. Ich wollte einen Thriller schreiben, und beim Schreiben hat mich genau die gleiche Angst gepackt, wie sie hoffentlich auch meine Le­­ser packt. Was mich verblüfft hat, war die Öko­nomie des Ganzen. Normalerweise arbeite ich nicht so sauber. Aber diesmal gab es keine falschen Spuren, keine Sackgassen, keine riesigen Mengen von Ausschuß wie sonst so oft. Ich hatte in meine Vergangenheit gegriffen, und der Instinkt oder ein glücklicher Zufall hatten mich genau die Figuren und Hintergründe her­ausziehen lassen, die ich brauch­­te.

Frage: Heißt das, Sie hatten die Figuren bereits fertig im Kopf, bevor Sie überhaupt mit dem Schreiben begonnen haben?

Antwort: Es gibt zwei Figuren in diesem Buch, die sich schon lan­ge vorher in meinem Schriftstellergedächt­nis eingenistet hat­ten und auf ihren Auftritt warteten. Man­che Figuren sind so. Sie reifen in der Flasche, zum Teil über Jahrzehnte. Dieser alte Mann zum Beispiel, den ich einmal in St. John's Wood getroffen habe. Er saß auf einer Bank, die Einkäufe einer ganzen Woche zu seinen Füßen, und weinte. Als ich ihn fragte, warum, sagte er mir, das Geschimpfe sei­ner Frau sei ihm so unerträglich geworden, daß er einfach nicht den Mut zum Heimgehen auf­bringe. Oder der zwölfjährige Junge in dem Kran­kenhaus in Palästina, dem eine Streu­bombe beide Beine wegge­rissen hatte und der alle, die an seinem Bett vorübergingen, mit hochge­recktem Daumen begrüßte. Diese bei­den habe ich bisher noch nir­gends untergebracht. Bei dem alten Mann habe ich es in Gehei­me Me­lodie versucht, aber irgendwie wollte er sich nicht einbauen lassen. Und über den palästinensischen Jungen werde ich wahrschein­lich niemals schreiben können. Er ist für mich nicht einfach eine Romanfigur, er ist ein Symbol nicht zu unterdrückender Tapferkeit.

Dafür konnte ich über einen anderen Jungen schreiben, einen einundzwanzigjährigen Tschetschenen namens Issa, den ich 1992 bei meinen Recherchen zu Unser Spiel in Moskau kennen­gelernt hatte. Er war ein Aussteiger, halb Tschet­sche­ne, halb Russe, und wohnte in einem musli­mischen Getto in den Moskauer Außenbezirken. Im Haus trug er immer eine Pistole im Gürtel. In Moskau mußte man damals (wie heute übrigens auch noch) nur asiatisch aussehen, um verhaftet zu werden - und Issa sah asiatisch aus. Ich war mit ihm nie auf der Straße unterwegs, des­halb weiß ich nicht, ob die Pistole ihn außer Haus beglei­tete. Er war groß und ausgemergelt und gab sich fast aufreizend würde­voll, trotz oder gerade wegen der Tat­sache, daß seine halbrussische Abstammung ihn zum Gespött der echten Tschet­schenen machte.

Für die tschetschenische Sache kämpfte er aus Op­position gegen seinen Vater, einen ehemaligen Oberst der russi­schen Besat­zungs­armee. Seine Mutter war ein Mäd­chen aus den tsche­tschenischen Bergen gewesen, und ihre eigenen Leute hatten sie dafür bestraft, daß sie ver­ge­waltigt worden war: die Dorfältesten sahen es - wodurch auch immer - als erwiesen an, daß sie willfährig gewesen war und kommandierten zur Wieder­herstellung der Familienehre ihre männ­lichen Angehöri­gen dazu ab, sie zu töten, sobald sie ihr Kind zur Welt gebracht hat­te. Als der Vater nach Moskau zu­rück­­beordert wurde, nahm er Issa mit und gab sich alle Mühe, aus ihm einen ordentlichen Rus­­sen­­jungen zu machen. Die besten Schu­len, alles das. Mit dem Erfolg, daß sich Issa, so­bald er dazu in der Lage war, den tschetschenischen Separa­tisten anschloß. Und daß er zum Islam kon­ver­tierte - aus Liebe zu einer Mut­ter, die er nie gekannt hatte. In dem Buch, das ich jetzt plante, hatte ich endlich die ideale Rolle für Issa; ich behielt sogar seinen Vor­namen bei ? das tschetschenische Wort für Jesus. Wobei mein Issa im Roman natürlich nicht mehr der Issa ist, den ich damals in Moskau kannte. Um echte Menschen in Romanfiguren zu verwan­deln, müssen wir unserem begrenzten Einblick in ihr Inneres nachhelfen, indem wir ihnen ein paar Züge von uns selbst verleihen.

Frage: Und die zweite Figur, die schon auf ihren Einsatz ge­warte­t hat, war Ihr quertreiberischer deutscher Agenten­füh­rer, hab ich recht? Herr Bachmann?

Antwort: Nein. Der hat sich auf eigene Faust Zutritt verschafft. Ich kannte eine ganze Reihe von Bachmanns zu meiner Zeit, abgehalfterte, ausgebrannte Geheimdienstleute wie Alec Lea­mas in Der Spion, der aus der Kälte kam. Bach­mann war aus demselben Stall. Nein, die andere Figur, die schon in meinem imaginären Wartesaal saß, war Tommy Brue, der sechzigjährige Schotte und Erbe einer angeschlagenen Privatbank, der un­versehens in Issas Leben hineingezogen wird. Wie Issa hatte auch Brue einen höchst problematischen Va­ter. Der von Brue hat vor ihm die Bank gelei­tet, in Wien. Alle haben Väter in diesem Buch. Alle tragen die ganz persönlichen Kämpfe aus, die ihre Geburt und ihre Lebens­umstände ihnen mit auf den Weg geben. Das ist wahr­schein­lich meine Art, meine eige­ne schwie­rige Vaterbe­ziehung aufzuarbeiten, über die ich in Ein blendender Spion geschrie­ben habe. Ich habe selber eine Zeit­lang in Wien ge­lebt. Und es ist zwar schon vierzig Jahre her, aber mir ist leb­haft der trinkfreudige schottische Bankier im Ge­dächt­nis, der mich damals immer wieder bestürmt hat, doch ein Num­mern­konto bei ihm zu eröffnen - keine Namen, kei­ne For­malitäten. Es war nicht mein Geld, hinter dem er her war. Es ging ihm um die Ka­me­rad­schaft. Er war ein einsamer Exil­engländer mit einer zerbröckelnden Ehe, und Geld war nur ein Vorwand für ihn, sich an Leute an­zu­nähern, die er mochte. Ich hat­te allen Ern­stes ein schlech­tes Gewissen, daß ich kein Num­mernkonto bei ihm aufmachte, aber dieses eine Mal siegte die Vernunft, und als ich aus Wien wegging, war er denn auch in ei­nen unschönen Skandal verwickelt. Einen Skandal übrigens, an dem sein Vater die Schuld trug!

Frage: Das waren also die beiden Figuren, die es schon gab, als Sie mit der Geschichte begonnen haben?

Antwort: Es gab auch noch eine dritte Figur. Eine extrem wichtige sogar: die Stadt Hamburg. Es hat mich beim Schreiben ja immer wieder nach Deutschland zurückgezogen, so wie es auch George Smiley im­mer wieder zurückgezogen hat: nach Deutschland, dem Motor Europas, Deutschland mit seinem aggressiven Alleingang im zwanzigsten Jahrhundert, Deutschland, der Wiege eines so großen Teils unserer europäischen Kultur. Aber diesmal mußte es Hamburg sein, Hamburg oder gar nichts. Und in vieler Hin­sicht stellt es die exotischste Figur im gan­zen Buch dar. Das heutige Hamburg ist eine vitale, quirlige, schöne, selbst­bewußte Stadt: kein kulturelles Juwel, aber dafür die reichste Stadt in Europa. Aber Hamburg blickt auf eine turbulen­te Geschichte zurück: erst Besetzung durch Napoleon, 1918 dann Machtübernahme durch die Kommunisten und 1933 durch die Nazis. 1933 lebten zwanzigtau­send Juden in Ham­burg, 1945 waren es keine tausend mehr. Die Bombardierung Hamburgs durch die Alliierten 1943 kostete in einer einzigen Woche mehr Menschen das Leben als der ganze Blitz­krieg gegen England oder die Atombombe auf Nagasaki: fünfundvierzig­tausend. Um so mehr grenzt der Wiederaufbau Hamburgs nach dem Krieg an ein Wunder. Toleranz und Libera­lismus, so lautete Hamburgs neue Parole. Was einer der Gründe sein mag, warum die Stadt unwissentlich den Nährboden für Ulrike Meinhoff und die Baa­der-Meinhoff-Bande abgab ? und Jahre später für Mo­hammed Atta und ein halbes Dutzend der Flugzeug­entführer vom 11. September und ihrer Mit­verschwörer.

Ich hatte noch ein anderes Motiv für meine Wahl, ein ganz persönliches. Ich war ein heimkehrender Sohn. Anfang der sechziger Jahre war ich britischer Konsul in dem mitt­ler­weile geschlossenen Hamburger Generalkonsulat gewesen. Die Bri­tische Botschaft in Bonn hatte mich in einer Eilaktion dort hinver­frachtet, nachdem ich als der Autor von Der Spion, der aus der Kälte kam enttarnt worden war. Meine Arbeitgeber hatten nichts gegen das Buch an sich, aber sie hatten nicht mit dem Aufsehen gerechnet, das meine Autorschaft erregte. Hamburg schien ihnen da angenehm weit ab vom Schuß. Da saß ich also, unschlüssig, ob ich meine Geheim­dienstkarriere weiterver­folgen oder mich ganz aufs Schreiben verlegen sollte. Als ich mich dann für die Schriftstel­lerei entschied, verließ ich Hamburg fast heimlich. Ich erinnere mich an keinerlei Ab­schie­de. Es war ein bißchen, als hätte ich eine Liebes­affäre mit der Stadt begonnen und wäre dann über Nacht abgereist, ohne meine Telefonnummer zu hinterlassen. Was wiederum ein starkes Bedürfnis in mir auslöste, die Beziehung da wieder­aufzunehmen, wo ich sie so rüde abgebro­chen hatte.

Frage: Nach vierzig Jahren?

Antwort: Ein paarmal war ich auch zwischendurch dort gewesen, aber nie lange genug. Es ist sicher Zufall, daß ich den 11. September 2001 in Hamburg erlebte, aber rückblickend fühlt es sich nicht so an. Ich recherchierte damals für ein ganz anderes Buch - Absolute Freunde, auch ein Roman über Deutsch­land -, und ich hatte mir den Vormittag über in einem Fern­seharchiv Filmaufzeichnungen aus den sechziger und siebziger Jahren angese­hen, in denen [[der anarchistische Studenten­führer]] Rudi Dutschke seine Anhänger gegen Ame­ri­ka auf­peitschte. Als ich danach ins Hotel zu­rück­kam, erwartete mich eine Nachricht mei­ner Sekretärin in Cornwall: "Gehen Sie so­fort zum nächsten Fern­seher." Ich gehorchte und kam gerade rechtzeitig, um das zweite Flugzeug in die Zwillings­türme kra­chen zu se­hen. Den Morgen hatte ich mit Rudi Dutschke ver­bracht, den Nachmittag verbrachte ich nun mit Osama bin Laden, beides erklärte Feinde des amerikanischen Kolonialismus, der Glo­balisierung und all dessen, was wir Fortschritt nennen. Ich blieb noch etwa eine Woche in Deutschland und hörte mir die Reaktionen von Freunden an. Nach außen hin hätte das Mit­gefühl für die Vereinigten Staaten kaum größer sein können: Kerzen auf ame­r­ikanischen Türschwellen, eine herzergreifende Beileidsbekun­dung auf einem Transparent am Brandenbur­ger Tor, und und und. In­­­offiziell fielen die Kommentare oft harscher aus. Ein sechzigjähriger evangelischer Pfarrer meinte zu mir, es geschehe den Amerikanern ganz recht. Für sei­ne Generation zumindest war Rudi Dutsch­kes Botschaft noch nicht gänz­lich verhallt.

Frage: Und Annabel, Ihre deutsche Bürgerrechtsanwältin, die Issa vertritt - wo kam die her?

Antwort: Eigentlich hätte ich die Rolle ja gern mit einer Frau aus der ehemaligen DDR besetzt, als eine Art Gegengewicht zu Ham­burgs überbordendem Materialismus, aber das traute ich mir denn doch nicht zu. Also habe ich mich statt dessen für eine Ideali­stin aus einer wohlhabenden Aka­de­mi­kerfamilie ent­schie­den, eine Menschenrechtsanwältin, und zwar eine mit einem gehörigen Funken Rebellentum. Puritanisch, aber freidenke­risch, ge­gen das Establishment, aber dennoch Teil davon, und fast schon übertrieben korrekt, besonders im Umgang mit Issa. Und attrak­tiv. Schließlich gehört ja auch eine Portion se­­xueller Spannung zu einer Beziehung zwischen ei­nem Muslim von Anfang zwanzig, der jahrelang ohne weibliche Gesellschaft auskommen mußte, und einer engagierten jungen Frau, die sich von seiner Not anrühren läßt. Der Issa, den Annabel kennen­lernt, war im Ge­fäng­nis und ist gefoltert wor­den. Die Folter ist ei­ne ent­setz­liche Art von Ritterschlag. Wir nicht Gefol­terten können mit den Gefolterten niemals gleichziehen, gottlob. Wir haben ein schlechtes Ge­wissen ihnen gegenüber, wir wollen sie beschützen, wir glauben, ihnen alles schuldig zu sein. Daraus speisen sich Annabels Gefühle. Fügen Sie der Mi­schung noch meinen Bankier Brue hinzu, und der Reigen ent­täuschter Liebe ist komplett. Ich fand, die Che­­­mie stimmt. Wie ich Ihnen schon zu Anfang gesagt habe, ich mag dieses Buch.

Frage: Wie wird es von den Kritikern aufgenommen werden, meinen Sie?

Antwort: So wie meine Bücher immer aufgenommen werden. In mei­nem Alter hat man seine Fans und seine Feinde, und sie än­dern sich nicht groß. Diejenigen, die mich für überschätzt halten, werden das kundtun. Diejenigen, die mich für unter­schätzt halten, werden es ebenfalls kundtun. Und in ein paar Jahren wird sich sowieso keiner mehr erinnern, wie das Buch auf­ge­nommen worden ist. Jeder halbwegs seriöse Schriftstel­ler hat es im Gefühl, wann er sein bestes gegeben hat und wann er hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt. Eine breite Leser­schaft zu haben ist ein Privileg, und ich habe in dieser Hin­sicht sehr viel Glück gehabt. Ich halte die­­ses Buch für eins meiner besten, und das macht mich sehr froh. Noch froher wür­de es mich natürlich machen, wenn meine Leser derselben Mei­nung wären.

Frage: Sie sagten, Sie wären die Geschichte mit ziemlich viel Wut angegangen. Wut worüber?

Antwort: Zum Teil darüber, daß um mich herum so wenig Wut zu spüren ist über das, was mit unserer Gesellschaft passiert, angeblich auch noch zu unserem eigenen besten. Wir sind unter Vorspiegelung falscher Tatsachen in einen Krieg getrieben worden, wir werden in einer Atmosphäre der Panik unserer Frei­heitsrechte beraubt. Unsere Anwälte gehen nicht auf die Straße, wie es die Anwälte in Pakistan getan haben. Unsere Abgeordneten fallen auf ihre eigenen Meinungsmacher herein und glau­ben am Schluß die Propaganda, die sie selbst verbrei­ten. Unser Außen­minister muß eine Nahostmission abbrechen, damit die zweiundvierzigtätige Untersuchungshaft für Ter­roris­mu­sverdächtige durchgedrückt werden kann. Manche nennen mich einen zornigen alten Mann. Von mir aus. Man muß nicht alt sein, um sich über so etwas auf­zure­gen. Wir haben unsere Souveränität unserer ?be­sonderen Beziehung? zu Amerika ge­opfert, an der keiner etwas Besonderes findet außer wir selbst, darum wollte ich der Frage nachgehen, in­wie­weit Deutsch­­land unsere Fehler nachzuahmen gedenkt.

Aber das ist alles heiße Luft, wenn nicht die Geschichte und die Figuren den Ball nehmen und damit loslaufen - und das machen sie in diesem Buch. Und deswegen mag ich es so.
© 1998-2009 Amazon.com, Inc. und Tochtergesellschaften

5 Kundenrezensionen:

Sehr schwache Kost
2 von 5 Punkten 2 von 5 Punkten
In Summe ein sehr langweiliger Roman. Es kommt kaum Spannung auf und das erschreckende es gibt außer ein paar Denkanstößen überhaupt nichts Neues. Zu keiner der Personen kann irgenweine Art von Bindung oder Beziehung aufgebaut werden. Das Ende ist mehr als vorhersehbar. Was soll also so beeindruckend an diesem Werk sein? Bin doch sehr enttäuscht.
Sagt alles und Nichts über die Geheimdienste
3 von 5 Punkten 3 von 5 Punkten
Issa, ein junger Moslem mit tschetschenischem Hintergrund flüchtet vor der Gefangenschaft und Folter in türkischen und russischen Gefängnissen und gelangt illegal nach Hamburg. Dort findet er Hilfe bei einer engagierten Anwältin der Einwanderer-Hilfsorganisation Fluchtpunkt.
Issa ist gleichzeitig Erbe eines Vermögens an Blutgeld, das in einer Hamburger Bank gewaschen wird.
Allein diese Konstellation reicht aus, damit sich die Geheimdienste dreier Nationen an seine Fersen heften. Es beginnt ein Gerangel an Kompetenzen innerhalb der Dienste und ein Spiel mit der Macht. Bis zum Schluss bleibt die Frage offen, wer dieses Spiel gewinnt bzw. wer die Marionetten im Spiel sind, die dem Buch den Titel geben
.
Insgesamt ein spannendes Buch, das, wie zu erwarten, sehr geheimdienstlastig geschrieben ist. Dies geht ein Bisschen zu Lasten der Charaktere, die weitgehend blass sind. Am Ende weiss man aber eigentlich nichts Neues - gute Unterhaltung, aber ohne das gewisse Etwas.
Brilliantes Werk
5 von 5 Punkten 5 von 5 Punkten
Dass John le Carre die US-Regierung wegen des Irak-Krieges "Junta" nannte, ist bekannt. Nun bekommt sie ihre brilliante Abrechnung für Guantanamo.

Da ist der flüchtige Tschetschene Issa (Jesus), von dem wir wissen, dass er in zwei Ländern im Gefängnis sass, aber von dem wir nicht erfahren, ob und welche Verbrechen er begangen hat. Es wird auch nicht gesagt, dass er selbst welche plane (wie es die "Dienste" nicht müde werden zu behaupten).

Da ist die Annabel, die Ideali­stin aus einer wohlhabenden Aka­de­mi­kerfamilie und Bürgerrechtsanwältin, die dem Issa zu Medizinstudium, legalem Aufenthalt und viel Geld verhelfen will.

Und da ist der britische Banker Tommy Brue, dessen Bank zuerst in Wien (Oh Dritter Mann), dann in Hamburg russisches Schwarzgeld blütenweiss wäscht.

Doch bei aller Tiefe der Personenbeschreibung und Darstellung ihrer Motive sind sie nicht Herr ihres Handels, sondern werden zu Marionetten eines miesen Spieles der "Dienste", die den Rechtstaat hassen und ihn umgehen, wenn sie ihn schützen sollen.

So brutal hat le Carre noch nie mit der miesen Performance der Dienste abgerechnet (die im Sauerland in "Sprengflüssigkeiten" panschen, wo Täter ohne Tat für die Absicht mit nicht funktionierenden "Bomben" lebenslang in das Gefängnis gestopft werden und wo Liebesbriefe zu Verschwörungen einer terroristischen Vereinigung umgedeutet werden).

Keine einzige Leiche, kein Mord, kein Totschlag, keine wilden Verfolgungsjagden und dennoch stellen sich einem gruselig die Nackenhaare hoch, weil er so nah an der Realität schreibt, die uns alle noch im Ohr ist.

Im Nachwort wird der Kurat Murnaz erwähnt, der jahrelang von der "Junta" am Rechtsstaat vorbei ohne Tat in Guantanamo festgehalten wurde.

Am Rande: ich habe das Buch in Englisch genossen und wurde nicht durch unterschiedliche Zwischenstände korrekter deutscher Rechtschreibung vom Inhalt abgelenkt. Aber so sind wir: Fehler in der Rechtsschreibung finden wir, aber unser Bundespräsident unterschreibt bedenkenarm das BKA-Gesetz, das uns die le-Carre-Fiktion wieder ein Stück näher an die Realität bringt, und wir beschweigen es lauthals.
Wir alle sind Marionetten unseres eigenen Denkens.
3 von 5 Punkten 3 von 5 Punkten
John le Carré skizziert in seinem Thriller eine Szenario, wie es sich tagtäglich zutragen dürfte. Ein Illegaler wird verdächtigt nur aus einem Grund hier zu sein - um Unheil zu stiften. Gesucht werden immer nur Beweise, die DAFÜR sprechen, niemals aber dagegen. Und so entsteht ein Schauspiel, das einerseits geradezu krotesk paranoid ist, andererseits aber genausogut Realität sein könnte. Und wenn man das Buch gelesen hat fragt man sich, ob nicht vieles was passiert einzig aus dem Grund so eintrifft, weil irgendwelche Geheimdienstler Böses vermuten, wo nichts dahintersteckt. Eine Art selbstverfüllende Prophezeihung sozusagen. Das Buch dürfte all jenen Gefallen, die auch die Bücher von Robert Ludlum mögen. (Bourne-Trilogie, Ambler-Warnung etc.) Auch wenn dieses Buch weniger "actionreich", dafür aber wesentlich subtiler ist.
anders als erwartet
2 von 5 Punkten 2 von 5 Punkten
Melik, ein junger türkischer Boxer, lebt mit seiner Familie in Hamburg. Immer wieder begegnet ihm ein junger Mann. Er kommt in Kontakt mit ihm; Issa ist illegal in Deutschland, er ist Tschetschene, saß in Russland bereits im Gefängnis. Er spricht etwas Türkisch und erzählt, dass er nach Deutschland gekommen ist, um Medizin zu studieren, dieses Vorhaben aber nicht möglich ist, da er sich nun verstecken muss.
Melik und seine Mutter Leyla beschließen ihm zu helfen, weitere Unterstützung bekommt Issa von der Anwältin Annabel Richter und einem Bankier.
Geheimdienste sind hinter Issa her und halten ihn für einen islamischen Terroristen. Da Schwarzgeld eine nicht unerhebliche Rolle dabei spielte, dass er nach Deutschland kommen konnte, verhärtet sich dieser Verdacht sehr bald ...

Superspannend beginnt dieser Roman, doch leider wird es ab dem 2. Kapitel sehr langweilig; statt Tempo gibt es endlos lange Gespräche und Szenen, in denen nichts oder kaum etwas passiert. Dazu kommt ein zäher Schreibstil, Carre produziert meist richtige Bandwurmsätze.
Ich empfand diesen Roman als sehr ermüdend zu lesen. Vom Anfang war ich begeistert; es fängt direkt spannend an, doch dann zieht es sich leider, auch konnte ich mit keiner der Figuren etwas anfangen, der Funke sprang einfach nicht über.
ch hatte einen schnellen Thriller erwartet das ist dieser Roman ganz sicher nicht. Das Thema an sich ist nicht uninteressant und wer gerne über Geheimdienste, Korruption und Verrat liest, ist mit diesem Buch bestens bedient.
© 1998-2009 Amazon.com, Inc. und Tochtergesellschaften