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Marionetten von John le Carré

Gebundene Ausgabe von Ullstein Hc
Preis bei Amazon: EUR 22,90, Angebote ab EUR 11,20

3,5 von 5 Punkten
3,5 von 5 Punkten (durchschnittliche Bewertung)
ISBN: 355008756X, Erscheinungsdatum: November 2008
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Aus der Amazon.de-Redaktion



Interview mit John le Carré

Frage:
In welcher Beziehung steht Ihr neues Buch zu den bis­he­ri­­gen? Stellt es eine Rückkehr zu Ihrem alten Stil dar, oder sehen Sie darin eine neue Richtung?

Antwort: Darüber muß die Kritik befinden. Und mit dem kritischen Prozeß habe ich ja nichts zu tun. Ich mag dieses Buch jedenfalls sehr. Ich hatte von Anfang an ein gutes Gefühl. Ich mußte meine Figuren nur anstupsen, schon lief alles so, wie ich wollte. Ich bin die Geschichte mit ziemlich viel Wut angegangen, und meine Figuren haben die­­­­se Wut für mich zum Ausdruck gebracht. Ich wollte einen Thriller schreiben, und beim Schreiben hat mich genau die gleiche Angst gepackt, wie sie hoffentlich auch meine Le­­ser packt. Was mich verblüfft hat, war die Öko­nomie des Ganzen. Normalerweise arbeite ich nicht so sauber. Aber diesmal gab es keine falschen Spuren, keine Sackgassen, keine riesigen Mengen von Ausschuß wie sonst so oft. Ich hatte in meine Vergangenheit gegriffen, und der Instinkt oder ein glücklicher Zufall hatten mich genau die Figuren und Hintergründe her­ausziehen lassen, die ich brauch­­te.

Frage: Heißt das, Sie hatten die Figuren bereits fertig im Kopf, bevor Sie überhaupt mit dem Schreiben begonnen haben?

Antwort: Es gibt zwei Figuren in diesem Buch, die sich schon lan­ge vorher in meinem Schriftstellergedächt­nis eingenistet hat­ten und auf ihren Auftritt warteten. Man­che Figuren sind so. Sie reifen in der Flasche, zum Teil über Jahrzehnte. Dieser alte Mann zum Beispiel, den ich einmal in St. John's Wood getroffen habe. Er saß auf einer Bank, die Einkäufe einer ganzen Woche zu seinen Füßen, und weinte. Als ich ihn fragte, warum, sagte er mir, das Geschimpfe sei­ner Frau sei ihm so unerträglich geworden, daß er einfach nicht den Mut zum Heimgehen auf­bringe. Oder der zwölfjährige Junge in dem Kran­kenhaus in Palästina, dem eine Streu­bombe beide Beine wegge­rissen hatte und der alle, die an seinem Bett vorübergingen, mit hochge­recktem Daumen begrüßte. Diese bei­den habe ich bisher noch nir­gends untergebracht. Bei dem alten Mann habe ich es in Gehei­me Me­lodie versucht, aber irgendwie wollte er sich nicht einbauen lassen. Und über den palästinensischen Jungen werde ich wahrschein­lich niemals schreiben können. Er ist für mich nicht einfach eine Romanfigur, er ist ein Symbol nicht zu unterdrückender Tapferkeit.

Dafür konnte ich über einen anderen Jungen schreiben, einen einundzwanzigjährigen Tschetschenen namens Issa, den ich 1992 bei meinen Recherchen zu Unser Spiel in Moskau kennen­gelernt hatte. Er war ein Aussteiger, halb Tschet­sche­ne, halb Russe, und wohnte in einem musli­mischen Getto in den Moskauer Außenbezirken. Im Haus trug er immer eine Pistole im Gürtel. In Moskau mußte man damals (wie heute übrigens auch noch) nur asiatisch aussehen, um verhaftet zu werden - und Issa sah asiatisch aus. Ich war mit ihm nie auf der Straße unterwegs, des­halb weiß ich nicht, ob die Pistole ihn außer Haus beglei­tete. Er war groß und ausgemergelt und gab sich fast aufreizend würde­voll, trotz oder gerade wegen der Tat­sache, daß seine halbrussische Abstammung ihn zum Gespött der echten Tschet­schenen machte.

Für die tschetschenische Sache kämpfte er aus Op­position gegen seinen Vater, einen ehemaligen Oberst der russi­schen Besat­zungs­armee. Seine Mutter war ein Mäd­chen aus den tsche­tschenischen Bergen gewesen, und ihre eigenen Leute hatten sie dafür bestraft, daß sie ver­ge­waltigt worden war: die Dorfältesten sahen es - wodurch auch immer - als erwiesen an, daß sie willfährig gewesen war und kommandierten zur Wieder­herstellung der Familienehre ihre männ­lichen Angehöri­gen dazu ab, sie zu töten, sobald sie ihr Kind zur Welt gebracht hat­te. Als der Vater nach Moskau zu­rück­­beordert wurde, nahm er Issa mit und gab sich alle Mühe, aus ihm einen ordentlichen Rus­­sen­­jungen zu machen. Die besten Schu­len, alles das. Mit dem Erfolg, daß sich Issa, so­bald er dazu in der Lage war, den tschetschenischen Separa­tisten anschloß. Und daß er zum Islam kon­ver­tierte - aus Liebe zu einer Mut­ter, die er nie gekannt hatte. In dem Buch, das ich jetzt plante, hatte ich endlich die ideale Rolle für Issa; ich behielt sogar seinen Vor­namen bei – das tschetschenische Wort für Jesus. Wobei mein Issa im Roman natürlich nicht mehr der Issa ist, den ich damals in Moskau kannte. Um echte Menschen in Romanfiguren zu verwan­deln, müssen wir unserem begrenzten Einblick in ihr Inneres nachhelfen, indem wir ihnen ein paar Züge von uns selbst verleihen.

Frage: Und die zweite Figur, die schon auf ihren Einsatz ge­warte­t hat, war Ihr quertreiberischer deutscher Agenten­füh­rer, hab ich recht? Herr Bachmann?

Antwort: Nein. Der hat sich auf eigene Faust Zutritt verschafft. Ich kannte eine ganze Reihe von Bachmanns zu meiner Zeit, abgehalfterte, ausgebrannte Geheimdienstleute wie Alec Lea­mas in Der Spion, der aus der Kälte kam. Bach­mann war aus demselben Stall. Nein, die andere Figur, die schon in meinem imaginären Wartesaal saß, war Tommy Brue, der sechzigjährige Schotte und Erbe einer angeschlagenen Privatbank, der un­versehens in Issas Leben hineingezogen wird. Wie Issa hatte auch Brue einen höchst problematischen Va­ter. Der von Brue hat vor ihm die Bank gelei­tet, in Wien. Alle haben Väter in diesem Buch. Alle tragen die ganz persönlichen Kämpfe aus, die ihre Geburt und ihre Lebens­umstände ihnen mit auf den Weg geben. Das ist wahr­schein­lich meine Art, meine eige­ne schwie­rige Vaterbe­ziehung aufzuarbeiten, über die ich in Ein blendender Spion geschrie­ben habe. Ich habe selber eine Zeit­lang in Wien ge­lebt. Und es ist zwar schon vierzig Jahre her, aber mir ist leb­haft der trinkfreudige schottische Bankier im Ge­dächt­nis, der mich damals immer wieder bestürmt hat, doch ein Num­mern­konto bei ihm zu eröffnen - keine Namen, kei­ne For­malitäten. Es war nicht mein Geld, hinter dem er her war. Es ging ihm um die Ka­me­rad­schaft. Er war ein einsamer Exil­engländer mit einer zerbröckelnden Ehe, und Geld war nur ein Vorwand für ihn, sich an Leute an­zu­nähern, die er mochte. Ich hat­te allen Ern­stes ein schlech­tes Gewissen, daß ich kein Num­mernkonto bei ihm aufmachte, aber dieses eine Mal siegte die Vernunft, und als ich aus Wien wegging, war er denn auch in ei­nen unschönen Skandal verwickelt. Einen Skandal übrigens, an dem sein Vater die Schuld trug!

Frage: Das waren also die beiden Figuren, die es schon gab, als Sie mit der Geschichte begonnen haben?

Antwort: Es gab auch noch eine dritte Figur. Eine extrem wichtige sogar: die Stadt Hamburg. Es hat mich beim Schreiben ja immer wieder nach Deutschland zurückgezogen, so wie es auch George Smiley im­mer wieder zurückgezogen hat: nach Deutschland, dem Motor Europas, Deutschland mit seinem aggressiven Alleingang im zwanzigsten Jahrhundert, Deutschland, der Wiege eines so großen Teils unserer europäischen Kultur. Aber diesmal mußte es Hamburg sein, Hamburg oder gar nichts. Und in vieler Hin­sicht stellt es die exotischste Figur im gan­zen Buch dar. Das heutige Hamburg ist eine vitale, quirlige, schöne, selbst­bewußte Stadt: kein kulturelles Juwel, aber dafür die reichste Stadt in Europa. Aber Hamburg blickt auf eine turbulen­te Geschichte zurück: erst Besetzung durch Napoleon, 1918 dann Machtübernahme durch die Kommunisten und 1933 durch die Nazis. 1933 lebten zwanzigtau­send Juden in Ham­burg, 1945 waren es keine tausend mehr. Die Bombardierung Hamburgs durch die Alliierten 1943 kostete in einer einzigen Woche mehr Menschen das Leben als der ganze Blitz­krieg gegen England oder die Atombombe auf Nagasaki: fünfundvierzig­tausend. Um so mehr grenzt der Wiederaufbau Hamburgs nach dem Krieg an ein Wunder. Toleranz und Libera­lismus, so lautete Hamburgs neue Parole. Was einer der Gründe sein mag, warum die Stadt unwissentlich den Nährboden für Ulrike Meinhoff und die Baa­der-Meinhoff-Bande abgab – und Jahre später für Mo­hammed Atta und ein halbes Dutzend der Flugzeug­entführer vom 11. September und ihrer Mit­verschwörer.

Ich hatte noch ein anderes Motiv für meine Wahl, ein ganz persönliches. Ich war ein heimkehrender Sohn. Anfang der sechziger Jahre war ich britischer Konsul in dem mitt­ler­weile geschlossenen Hamburger Generalkonsulat gewesen. Die Bri­tische Botschaft in Bonn hatte mich in einer Eilaktion dort hinver­frachtet, nachdem ich als der Autor von Der Spion, der aus der Kälte kam enttarnt worden war. Meine Arbeitgeber hatten nichts gegen das Buch an sich, aber sie hatten nicht mit dem Aufsehen gerechnet, das meine Autorschaft erregte. Hamburg schien ihnen da angenehm weit ab vom Schuß. Da saß ich also, unschlüssig, ob ich meine Geheim­dienstkarriere weiterver­folgen oder mich ganz aufs Schreiben verlegen sollte. Als ich mich dann für die Schriftstel­lerei entschied, verließ ich Hamburg fast heimlich. Ich erinnere mich an keinerlei Ab­schie­de. Es war ein bißchen, als hätte ich eine Liebes­affäre mit der Stadt begonnen und wäre dann über Nacht abgereist, ohne meine Telefonnummer zu hinterlassen. Was wiederum ein starkes Bedürfnis in mir auslöste, die Beziehung da wieder­aufzunehmen, wo ich sie so rüde abgebro­chen hatte.

Frage: Nach vierzig Jahren?

Antwort: Ein paarmal war ich auch zwischendurch dort gewesen, aber nie lange genug. Es ist sicher Zufall, daß ich den 11. September 2001 in Hamburg erlebte, aber rückblickend fühlt es sich nicht so an. Ich recherchierte damals für ein ganz anderes Buch - Absolute Freunde, auch ein Roman über Deutsch­land -, und ich hatte mir den Vormittag über in einem Fern­seharchiv Filmaufzeichnungen aus den sechziger und siebziger Jahren angese­hen, in denen [[der anarchistische Studenten­führer]] Rudi Dutschke seine Anhänger gegen Ame­ri­ka auf­peitschte. Als ich danach ins Hotel zu­rück­kam, erwartete mich eine Nachricht mei­ner Sekretärin in Cornwall: "Gehen Sie so­fort zum nächsten Fern­seher." Ich gehorchte und kam gerade rechtzeitig, um das zweite Flugzeug in die Zwillings­türme kra­chen zu se­hen. Den Morgen hatte ich mit Rudi Dutschke ver­bracht, den Nachmittag verbrachte ich nun mit Osama bin Laden, beides erklärte Feinde des amerikanischen Kolonialismus, der Glo­balisierung und all dessen, was wir Fortschritt nennen. Ich blieb noch etwa eine Woche in Deutschland und hörte mir die Reaktionen von Freunden an. Nach außen hin hätte das Mit­gefühl für die Vereinigten Staaten kaum größer sein können: Kerzen auf ame­r­ikanischen Türschwellen, eine herzergreifende Beileidsbekun­dung auf einem Transparent am Brandenbur­ger Tor, und und und. In­­­offiziell fielen die Kommentare oft harscher aus. Ein sechzigjähriger evangelischer Pfarrer meinte zu mir, es geschehe den Amerikanern ganz recht. Für sei­ne Generation zumindest war Rudi Dutsch­kes Botschaft noch nicht gänz­lich verhallt.

Frage: Und Annabel, Ihre deutsche Bürgerrechtsanwältin, die Issa vertritt - wo kam die her?

Antwort: Eigentlich hätte ich die Rolle ja gern mit einer Frau aus der ehemaligen DDR besetzt, als eine Art Gegengewicht zu Ham­burgs überbordendem Materialismus, aber das traute ich mir denn doch nicht zu. Also habe ich mich statt dessen für eine Ideali­stin aus einer wohlhabenden Aka­de­mi­kerfamilie ent­schie­den, eine Menschenrechtsanwältin, und zwar eine mit einem gehörigen Funken Rebellentum. Puritanisch, aber freidenke­risch, ge­gen das Establishment, aber dennoch Teil davon, und fast schon übertrieben korrekt, besonders im Umgang mit Issa. Und attrak­tiv. Schließlich gehört ja auch eine Portion se­­xueller Spannung zu einer Beziehung zwischen ei­nem Muslim von Anfang zwanzig, der jahrelang ohne weibliche Gesellschaft auskommen mußte, und einer engagierten jungen Frau, die sich von seiner Not anrühren läßt. Der Issa, den Annabel kennen­lernt, war im Ge­fäng­nis und ist gefoltert wor­den. Die Folter ist ei­ne ent­setz­liche Art von Ritterschlag. Wir nicht Gefol­terten können mit den Gefolterten niemals gleichziehen, gottlob. Wir haben ein schlechtes Ge­wissen ihnen gegenüber, wir wollen sie beschützen, wir glauben, ihnen alles schuldig zu sein. Daraus speisen sich Annabels Gefühle. Fügen Sie der Mi­schung noch meinen Bankier Brue hinzu, und der Reigen ent­täuschter Liebe ist komplett. Ich fand, die Che­­­mie stimmt. Wie ich Ihnen schon zu Anfang gesagt habe, ich mag dieses Buch.

Frage: Wie wird es von den Kritikern aufgenommen werden, meinen Sie?

Antwort: So wie meine Bücher immer aufgenommen werden. In mei­nem Alter hat man seine Fans und seine Feinde, und sie än­dern sich nicht groß. Diejenigen, die mich für überschätzt halten, werden das kundtun. Diejenigen, die mich für unter­schätzt halten, werden es ebenfalls kundtun. Und in ein paar Jahren wird sich sowieso keiner mehr erinnern, wie das Buch auf­ge­nommen worden ist. Jeder halbwegs seriöse Schriftstel­ler hat es im Gefühl, wann er sein bestes gegeben hat und wann er hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt. Eine breite Leser­schaft zu haben ist ein Privileg, und ich habe in dieser Hin­sicht sehr viel Glück gehabt. Ich halte die­­ses Buch für eins meiner besten, und das macht mich sehr froh. Noch froher wür­de es mich natürlich machen, wenn meine Leser derselben Mei­nung wären.

Frage: Sie sagten, Sie wären die Geschichte mit ziemlich viel Wut angegangen. Wut worüber?

Antwort: Zum Teil darüber, daß um mich herum so wenig Wut zu spüren ist über das, was mit unserer Gesellschaft passiert, angeblich auch noch zu unserem eigenen besten. Wir sind unter Vorspiegelung falscher Tatsachen in einen Krieg getrieben worden, wir werden in einer Atmosphäre der Panik unserer Frei­heitsrechte beraubt. Unsere Anwälte gehen nicht auf die Straße, wie es die Anwälte in Pakistan getan haben. Unsere Abgeordneten fallen auf ihre eigenen Meinungsmacher herein und glau­ben am Schluß die Propaganda, die sie selbst verbrei­ten. Unser Außen­minister muß eine Nahostmission abbrechen, damit die zweiundvierzigtätige Untersuchungshaft für Ter­roris­mu­sverdächtige durchgedrückt werden kann. Manche nennen mich einen zornigen alten Mann. Von mir aus. Man muß nicht alt sein, um sich über so etwas auf­zure­gen. Wir haben unsere Souveränität unserer „be­sonderen Beziehung“ zu Amerika ge­opfert, an der keiner etwas Besonderes findet außer wir selbst, darum wollte ich der Frage nachgehen, in­wie­weit Deutsch­­land unsere Fehler nachzuahmen gedenkt.

Aber das ist alles heiße Luft, wenn nicht die Geschichte und die Figuren den Ball nehmen und damit loslaufen - und das machen sie in diesem Buch. Und deswegen mag ich es so.
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5 Kundenrezensionen:

Sehr schwache Kost
2 von 5 Punkten 2 von 5 Punkten
In Summe ein sehr langweiliger Roman. Es kommt kaum Spannung auf und das erschreckende es gibt außer ein paar Denkanstößen überhaupt nichts Neues. Zu keiner der Personen kann irgenweine Art von Bindung oder Beziehung aufgebaut werden. Das Ende ist mehr als vorhersehbar. Was soll also so beeindruckend an diesem Werk sein? Bin doch sehr enttäuscht.
Sagt alles und Nichts über die Geheimdienste
3 von 5 Punkten 3 von 5 Punkten
Issa, ein junger Moslem mit tschetschenischem Hintergrund flüchtet vor der Gefangenschaft und Folter in türkischen und russischen Gefängnissen und gelangt illegal nach Hamburg. Dort findet er Hilfe bei einer engagierten Anwältin der Einwanderer-Hilfsorganisation Fluchtpunkt.
Issa ist gleichzeitig Erbe eines Vermögens an Blutgeld, das in einer Hamburger Bank gewaschen wird.
Allein diese Konstellation reicht aus, damit sich die Geheimdienste dreier Nationen an seine Fersen heften. Es beginnt ein Gerangel an Kompetenzen innerhalb der Dienste und ein Spiel mit der Macht. Bis zum Schluss bleibt die Frage offen, wer dieses Spiel gewinnt bzw. wer die Marionetten im Spiel sind, die dem Buch den Titel geben
.
Insgesamt ein spannendes Buch, das, wie zu erwarten, sehr geheimdienstlastig geschrieben ist. Dies geht ein Bisschen zu Lasten der Charaktere, die weitgehend blass sind. Am Ende weiss man aber eigentlich nichts Neues - gute Unterhaltung, aber ohne das gewisse Etwas.
Brilliantes Werk
5 von 5 Punkten 5 von 5 Punkten
Dass John le Carre die US-Regierung wegen des Irak-Krieges "Junta" nannte, ist bekannt. Nun bekommt sie ihre brilliante Abrechnung für Guantanamo.

Da ist der flüchtige Tschetschene Issa (Jesus), von dem wir wissen, dass er in zwei Ländern im Gefängnis sass, aber von dem wir nicht erfahren, ob und welche Verbrechen er begangen hat. Es wird auch nicht gesagt, dass er selbst welche plane (wie es die "Dienste" nicht müde werden zu behaupten).

Da ist die Annabel, die Ideali­stin aus einer wohlhabenden Aka­de­mi­kerfamilie und Bürgerrechtsanwältin, die dem Issa zu Medizinstudium, legalem Aufenthalt und viel Geld verhelfen will.

Und da ist der britische Banker Tommy Brue, dessen Bank zuerst in Wien (Oh Dritter Mann), dann in Hamburg russisches Schwarzgeld blütenweiss wäscht.

Doch bei aller Tiefe der Personenbeschreibung und Darstellung ihrer Motive sind sie nicht Herr ihres Handels, sondern werden zu Marionetten eines miesen Spieles der "Dienste", die den Rechtstaat hassen und ihn umgehen, wenn sie ihn schützen sollen.

So brutal hat le Carre noch nie mit der miesen Performance der Dienste abgerechnet (die im Sauerland in "Sprengflüssigkeiten" panschen, wo Täter ohne Tat für die Absicht mit nicht funktionierenden "Bomben" lebenslang in das Gefängnis gestopft werden und wo Liebesbriefe zu Verschwörungen einer terroristischen Vereinigung umgedeutet werden).

Keine einzige Leiche, kein Mord, kein Totschlag, keine wilden Verfolgungsjagden und dennoch stellen sich einem gruselig die Nackenhaare hoch, weil er so nah an der Realität schreibt, die uns alle noch im Ohr ist.

Im Nachwort wird der Kurat Murnaz erwähnt, der jahrelang von der "Junta" am Rechtsstaat vorbei ohne Tat in Guantanamo festgehalten wurde.

Am Rande: ich habe das Buch in Englisch genossen und wurde nicht durch unterschiedliche Zwischenstände korrekter deutscher Rechtschreibung vom Inhalt abgelenkt. Aber so sind wir: Fehler in der Rechtsschreibung finden wir, aber unser Bundespräsident unterschreibt bedenkenarm das BKA-Gesetz, das uns die le-Carre-Fiktion wieder ein Stück näher an die Realität bringt, und wir beschweigen es lauthals.
Wir alle sind Marionetten unseres eigenen Denkens.
3 von 5 Punkten 3 von 5 Punkten
John le Carré skizziert in seinem Thriller eine Szenario, wie es sich tagtäglich zutragen dürfte. Ein Illegaler wird verdächtigt nur aus einem Grund hier zu sein - um Unheil zu stiften. Gesucht werden immer nur Beweise, die DAFÜR sprechen, niemals aber dagegen. Und so entsteht ein Schauspiel, das einerseits geradezu krotesk paranoid ist, andererseits aber genausogut Realität sein könnte. Und wenn man das Buch gelesen hat fragt man sich, ob nicht vieles was passiert einzig aus dem Grund so eintrifft, weil irgendwelche Geheimdienstler Böses vermuten, wo nichts dahintersteckt. Eine Art selbstverfüllende Prophezeihung sozusagen. Das Buch dürfte all jenen Gefallen, die auch die Bücher von Robert Ludlum mögen. (Bourne-Trilogie, Ambler-Warnung etc.) Auch wenn dieses Buch weniger "actionreich", dafür aber wesentlich subtiler ist.
anders als erwartet
2 von 5 Punkten 2 von 5 Punkten
Melik, ein junger türkischer Boxer, lebt mit seiner Familie in Hamburg. Immer wieder begegnet ihm ein junger Mann. Er kommt in Kontakt mit ihm; Issa ist illegal in Deutschland, er ist Tschetschene, saß in Russland bereits im Gefängnis. Er spricht etwas Türkisch und erzählt, dass er nach Deutschland gekommen ist, um Medizin zu studieren, dieses Vorhaben aber nicht möglich ist, da er sich nun verstecken muss.
Melik und seine Mutter Leyla beschließen ihm zu helfen, weitere Unterstützung bekommt Issa von der Anwältin Annabel Richter und einem Bankier.
Geheimdienste sind hinter Issa her und halten ihn für einen islamischen Terroristen. Da Schwarzgeld eine nicht unerhebliche Rolle dabei spielte, dass er nach Deutschland kommen konnte, verhärtet sich dieser Verdacht sehr bald ...

Superspannend beginnt dieser Roman, doch leider wird es ab dem 2. Kapitel sehr langweilig; statt Tempo gibt es endlos lange Gespräche und Szenen, in denen nichts oder kaum etwas passiert. Dazu kommt ein zäher Schreibstil, Carre produziert meist richtige Bandwurmsätze.
Ich empfand diesen Roman als sehr ermüdend zu lesen. Vom Anfang war ich begeistert; es fängt direkt spannend an, doch dann zieht es sich leider, auch konnte ich mit keiner der Figuren etwas anfangen, der Funke sprang einfach nicht über.
ch hatte einen schnellen Thriller erwartet das ist dieser Roman ganz sicher nicht. Das Thema an sich ist nicht uninteressant und wer gerne über Geheimdienste, Korruption und Verrat liest, ist mit diesem Buch bestens bedient.
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Produkt-Bild: Schneemann

Schneemann von Jo Nesbø

Gebundene Ausgabe von Ullstein Hc
Preis bei Amazon: EUR 19,90, Angebote ab EUR 17,50

4,5 von 5 Punkten
4,5 von 5 Punkten (durchschnittliche Bewertung)
ISBN: 3550087578, Erscheinungsdatum: Sept. 2008
Zoom ± Produkt-Bild: Schneemann

Aus der Amazon.de-Redaktion


Die Leiche, die Gert Rafto in der Nähe von Bergen im Schnee liegen sieht, ist nur anhand ihrer Brust als Frau zu erkennen. Den Rest hat der Mörder bis zur Unkenntlichkeit zerstückelt. In der Nähe der Leiche findet der Polizist einen Schneemann: wie noch bei vielen anderen Frauen, die auf ähnlich bestialische Weise ermordet worden sind -- und werden. Kommissar Harry Hole findet heraus, dass die Morde unmittelbar mit den Kindern der Ermordeten zusammenhängen. Und er steigt hinab in die dunkle Seele eines Täters, den die Presse publikumswirksam „Schneemann“ nennt -- und der es nicht zuletzt auf Holes große Liebe Rakel abgesehen hat. Aber welche Rolle spielen der zwielichtige Gert Rafto und seine Tochter in dem tödlichen Spiel? Massenmörder haben Hochkonjunktur in der internationalen Krimiszene -- wobei sich die Autoren bei der Beschreibung der von diesen an den Tag gelegten Grausamkeiten schier zu überbieten scheinen. Bei dem ein oder anderen Buch hat man dabei den Eindruck, dass die bestialisch getöteten Opfer nicht nur die Handlung strukturieren, sondern auch darüber hinwegtäuschen sollen, dass der Verfasser offenbar nicht in der Lage ist, die Entwicklung der Lösung über 200 bis 400 Seiten mit nur einer Leiche durchzuziehen. Bei Jo Besbø ist das etwas anders. Denn der norwegische Bestseller-Autor beherrscht seinen Plot, wie der Leser bei der Lektüre unschwer erkennen kann, auf jeder Seite.
So ist Schneemann nicht nur psychologisch eisig, klug und stringent aufgebaut sowie mit vielen raffinierten Wendungen bestückt: Er ist auch noch mit einem Schluss versehen, der einem -- trotz des etwas allzu effektvollen (vielleicht schon für eine Verfilmung geschriebenen?) Showdowns -- einen kalten Schauer über den Rücken laufen lässt. -- Thomas Köster, Literaturanzeiger.de
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5 Kundenrezensionen:

Lesenswerter Thriller aus Norwegen!
5 von 5 Punkten 5 von 5 Punkten
Dies war mein erster Nesboe und bin absolut begeistert! Von der ersten bis zur letzten Seite bleibt die Spannung erhalten. Und wenn man glaubt, zu wissen, wer der Schneemann ist, ändert sich dieses auf der nächsten Seite wieder. Kann ich nur empfehlen!
Wieder ein echter Nesbo .........
5 von 5 Punkten 5 von 5 Punkten
.... und ein verbissener Harry Hole, der im verschneiten November 2004 in Oslo das Verschwinden bzw. die Ermordnung von vier Frauen aufklären muss. Am Tatort finden er und sein Team immer einen Schneemann, der auf einen Serienmörder schließen läßt. Was haben die Frau gemeinsam, außer dass sie Ehefrauen und Mütter sind?

Auch wenn ich nicht zu dieser "Kategorie" gehöre und im November in meiner Heimatstadt noch kein Schnee gelegen hat, habe ich meine Haustür zweimal abgeschlossen und beim Lesen eine Gänsehaut gespürt.

Wieder ein echter Nesbo den man als Krimi-Fan unbedingt lesen muss, wie auch die vorherigen sechs Bücher, in denen man den etwas skurilen und in seiner Ermittlungsarbeit hartnäckigen und unkonventionellen Harry Hole kennen lernt.

Nicht-Krimi-Fans werden durch Jo Nesbo zu solchen gemacht!
Nicht mehr aufhören ...
5 von 5 Punkten 5 von 5 Punkten
Lange habe ich nicht mehr so besessen gelesen - auch wenn mir schon spätestens mitten im Buch klar war, wer der Schneemann ist. Die überraschenden Wendungen und die rastlosen Beschreibungen ließen mich nicht mehr aufhören.
Spannende Weihnachtsferien dank Jo Nesbro!
Sehr zu empfehlen...
Der beste Krimi des Jahres 2008
5 von 5 Punkten 5 von 5 Punkten
Jo Nesbø hat mit "Der Schneemann" einen Roman vorgelegt, der alle Kriterien eines guten, erfolgreichen Krimis erfüllt. Er hat eine spannende Geschichte, gute Dialoge und besitzt glaubwürdige, plastisch dargestellte Protagonisten.
Zudem hat Nesbø noch eine ordentliche Portion Sex, etwas Liebe und eine Prise Witz in seine story beigemengt.
Der Fall von Kommissar Harry Hole beginnt relativ harmlos: eine Frau wird vermisst. Aber schon früh wird Hole klar, hier ist ein Serienmörder am Werk. Denn schon zu Beginn des Romans wird ihm eine Nachricht zugespielt: Bald fällt der erste Schnee. Und dann wird er wieder auftauchen. Der Schneemann. Und wenn der Schnee verschwindet, wird er wieder jemand mitgenommen haben...".
Zusammen mit seinem Team versucht Hole nun den Killer zu fangen. Nesbø schafft es im weiteren Verlauf der Geschichte einen Spannungsbogen aufzubauen, der bis zum showdown anhält. Klasse.
Harry Hole, der Kommissar charakterisiert sich wie folgt: ungesundes Verhältnis zum Alkohol, schwieriges Temperament, einsamer Wolf, unzuverlässig, zweifelhafte Moral und schlechter Umgang" - aber eben der beste Ermittler von Oslos Polizei.
Irgendwie steckt in diesen nordischen Krimis eine besondere Anziehungskraft im Aufeinandertreffen von roher Gewalt und nordischer Kühle, von Sündenfall und unberührter Natur. Der Schneemann" ist dabei einer der besten Vertreter dieses Genres, weshalb er für mich der beste Krimi des Jahres 2008 ist.
Kaltblütig
5 von 5 Punkten 5 von 5 Punkten
Jo Nesbo liefert mit seinem neuesten Roman einen neuen Krimi, dessen Hauptperson erneut Harry Hole ist. Ich muss gestehen, dies war sowohl mein erster Nesbo als auch mein erster Hole-Krimi. Um das wichtigste vorweg zu nehmen: er lässt sich ohne geringste Probleme verstehen, auch wenn man die vorherigen Hole-Krimis nicht gelesen hat.

Es werden einzelne Frauen aufgefunden, die auf bestialische Art und Weise getötet worden sind. Das einzige augenscheinliche Indiz ist ein Schneemann an jedem Tatort. Viel mehr möchte ich nicht vorweg nehmen. Aber ich kann versichern, Nesbo lockt uns zusammen mit seinem Helden immer wieder auf falsche Fährten. Ich war bis zum Schluss gefesselt.

Für den Leser ist es anfangs sehr schwierig in die Geschichte hinein zu finden, weil nicht immer ganz klar ist, hinter welchem Namen sich jetzt welche Person verbirgt (vielleicht bin ich auch einfach die nordisch klingenden Namen nicht gewohnt). Nesbo zielt hier wohl auf das erfahrenere Krimi-Publikum ab, denn er nimmt uns im weiteren Verlauf so gut wie nie an die Hand, um uns ein wenig Klarheit zu verschaffen.

Ist man jedoch erst einmal richtig in die Story eingetaucht, wird es immer wieder bis zum Bersten spannend. Leider wird die Spannung durch die teils extrem verworrenen Beziehungen zwischen den Charakteren gedämpft. Immer wieder muss man zurückblättern, um herauszufinden wer jetzt wer ist, wer was macht, wen kennt etc., oder man muss dauerhaft extrem konzentriert lesen. Normalerweise habe ich mit so etwas keinerlei Probleme. Für das Unverständnis hier war ganz entscheidend, dass die Persönlichkeiten oftmals fad wirken. Die einzigen Details die Nesbo über sie preisgibt sind ein oder zwei Kleidungsstücke (Hut, Mantel etc.) und vielleicht noch die Haarfarbe. Es fällt wirklich schwer sich ein vernünftiges Bild ihrer äußeren Erscheinung zu machen. Bei der Psyche der Protagonisten gilt das jedoch nur soweit, solange es sich um "unwichtige" Rollen handelt. Die Hauptpersonen hingegen sind mit einem sehr komplexen Innenleben ausgestattet, das zum Mitfühlen und Nachdenken einlädt.

Insgesamt hat mir "Der Schneemann" sehr gut gefallen. Anfängern würde ich jedoch zu etwas leichter verdaulichem raten. Es steht mir kaum zu über Nesbo zu urteilen, schließlich ist er einer "der" großen Krimi-Autoren schlechthin, aber ein wenig besser kann er es bestimmt noch. ;-) Somit gibt es 4,5 von 5 Sternen.
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Produkt-Bild: Der Sinn des Lebens

Der Sinn des Lebens von Terry Eagleton

Gebundene Ausgabe von Ullstein Hc
Preis bei Amazon: EUR 18,00, Angebote ab EUR 13,40

5 von 5 Punkten
5 von 5 Punkten (durchschnittliche Bewertung)
ISBN: 3550087209, Erscheinungsdatum: November 2008
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Eine Kundenrezension:

unterhaltsam und lehrreich - werde ich auch verschenken
5 von 5 Punkten 5 von 5 Punkten
Ich habe das Buch gekauft, weil ich eine sehr gute Kritik dazu gelesen hatte, und es ist wirklich großartig. Der Autor führt einen erstmal auf höchst unterhaltsame Weise durch die Philosophiegeschichte und fasst zusammen, was zum Sinn des Lebens von verschiedenen Philosophen gesagt wurde: Aristoteles, Nietzsche, Spinoza, Marx, Wittgenstein, auch Dichter wie Shakespeare oder Tschechow kommen zu Wort. Einiges davon hat man schon mal gehört, aber vieles war mir neu, und es ist wirklich sehr locker und witzig erklärt. Dabei wird klar, dass der Sinn des Lebens nicht in einem Satz oder einer Formel besteht, sondern eher in einer Praxis", d.h. darin, wie man sein Leben gestaltet. Liebe und Glück spielen eine wichtige Rolle, und ein gutes Leben führen ist ein bisschen wie in einer Jazzband spielen: Die Bandmitglieder improvisieren frei, nehmen dabei aber Rücksicht auf die Freiheit der anderen Musiker. Mir hat das Buch sehr gut gefallen, auf 160 Seiten lernt man viel und wird bestens unterhalten.
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Produkt-Bild: Warum Affen für die Liebe zahlen: Noch mehr Pleiten und Pannen im Bauplan der Natur

Warum Affen für die Liebe zahlen: Noch mehr Pleiten und Pannen im Bauplan der Natur von Jörg Zittlau

Gebundene Ausgabe von Ullstein Hc
Preis bei Amazon: EUR 16,90, Angebote ab EUR 16,00

4 von 5 Punkten
4 von 5 Punkten (durchschnittliche Bewertung)
ISBN: 3550087446, Erscheinungsdatum: August 2008
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3 Kundenrezensionen:

Harmloser Evolutionsspaß?
2 von 5 Punkten 2 von 5 Punkten
Das Leitmotiv dieses Büchleins ist, die Zielgerichtetheit des biologischen Evolutionsprozesses in Frage zu stellen und die Evolution im Lichte der Fehlentwicklungen und Kuriositäten zu betrachten. Ist das ein ernstzunehmender Ansatz oder nur eine Bestselleridee in zweiter Folge? Klar, daß das Thema Pleiten, Pech und Pannen immer auf ein interessiertes Publikum trifft. Der Autor bietet einige Dutzend voraussetzungslose, unterhaltsam und humorvoll geschriebene Evolutionsgeschichten, viele davon drehen sich um die Thematik des Beinahe-Scheiterns. Er stellt mit den voneinander unabhängigen Geschichten keine besonderen Ansprüche an den Leser. Was aber darf der vom Autor erwarten? Erwirbt er brauchbare Kenntnisse zur biologischen Evolution? Falls der Leser mehr von Evolutionsbiologie versteht als die Zielgruppe, die Autor und Verlag mit dem Buch offenbar im Sinn hatten, kann man das bejahen. Die biologischen Fakten an sich, die Zittlau referiert, sind nämlich durchwegs interessant, nur sein fast bis zur Parodie verzerrter Evolutionsbegriff und die daran geknüpften Schlußfolgerungen sind problematisch. Hinter jedem Fall von Täuschung im Tierreich etwa wittert der Autor einen Verstoß gegen das Prinzip des "Überlebens des Stärkeren". An die Überlebensvorteile des Klügeren will er gar nicht denken. Das ist verständlich: Zittlau muß sich gewissermaßen aus dramaturgischen Gründen dummstellen und unterschlagen, daß es eine konvergente Evolution gab, nämlich die des Nervensystems und der Kognition. Gäbe er das zu, ließe sich seine Leitidee der Pleiten und Pannen weniger gut verkaufen. Der Leser, der genug evolutionsbiologisches Wissen besitzt, wird über die einseitige Darstellung hinwegsehen, an den Kuriositäten seinen Spaß haben und sich seinen eigenen Reim darauf machen.

Der Einsteiger in die Thematik der Evolutionsbiologie, muß jedoch gewarnt werden. Zittlau ist ein Aufklärer, der gerne erst ein bißchen Verwirrung stiftet, bevor er loslegt. So schreibt er auf S. 25, daß das Bärtierchen selbst Temperaturen von minus 272 Grad überlebt, was aus evolutionärer Sicht kaum möglich sei, da diese Temperaturen in den letzten Millionen Jahren auf der Erde nie vorkamen. Er geht also von der geradezu aberwitzigen Prämisse aus, daß quasi jeder Zahlenwert in der Evolution einen Sinn haben muß, zeigt dann, daß das nicht sein kann und gelangt somit zur grandiosen Erkenntnis, daß nicht alles in der Evolution einen Sinn habe. Das ist toll. Die Rezensenten der Tagespresse (Die WELT, Hannoversche Allgemeine), die sich von dieser Schlußfolgerung und der Kombination aus "Humor" und "Kompetenz" tief beeindruckt zeigten, würde man gerne fragen, ob sie auch noch ein anderes Evolutionsbuch kennen. Zweifellos hat der Autor für das Kapitel über die Raben interessante Fakten zusammengetragen, aber ist es ein besonderes Zeichen von Kompetenz, wenn er allen Ernstes auf S. 105 suggeriert, daß das Verhalten der übermütigen Rabenmännchen evolutionär fragwürdig wäre? Die gängige und für jeden erfaßbare These ist doch, daß die Männchen mit ihrer Risikobereitschaft ihre überschüssige Kraft signalisieren. Mit seinem selbst auferlegten Zwang, überall eine evolutionäre Panne zu sehen, entläßt der Autor den unbedarften Leser zwar frohgestimmt, aber mit einer verdunkelten Vorstellung der Evolutionsprozesses.
Kurzweilige Lektüre
5 von 5 Punkten 5 von 5 Punkten
Wer hätte das gedacht: Es gibt noch sehr viel mehr zu erfahren über die Pleiten und Pannen im Bauplan der Natur. Nachdem uns Jörg Zittlau in seinem jüngst erschienenen Werk so anschaulich und kenntnisreich erklärt hat, "Warum Robben kein Blau sehen und Elche ins Altersheim gehen", stellt er uns nun weitere verblüffende Unzulänglichkeiten der Evolution vor: So etwa Fische, die auf Bäume klettern, Zugvögel, die es im Winter nordwärts zieht oder Giraffen, die buchstäblich den Hals nicht voll genug bekommen. Alles in allem wieder eine kurzweilige und interessante Lektüre über Kuriositäten aus dem Reich der Tiere.
Eine erfreuliche (viel zu sparsame)Zugabe: Lucias Obis originelle Illustrationen!
Noch besser als der Vorgänger
5 von 5 Punkten 5 von 5 Punkten
Ich habe das erste Buch des Autors zu dem Thema ("Was macht der Elch im Altersheim") mit großer Freude gelesen, und weil man von anderen Filmen und Büchern her weiß, dass die Nachfolger nur selten dem Erst-Werk das Wasser reichen können, war ich zunächst skeptisch. Doch dieses Gefühl war schnell verflogen. Denn man merkt dem "Affen" an, dass der Autor sich noch tiefer in die Thematik eingearbeitet hat. All die Pleiten, Pannen und Fehlkonstruktionen der Tierwelt kommen nun noch authentischer und sympathischer rüber, und man hat den Eindruck, dass die Beispiele nur so aus Zittlau heraussprudeln. Auch sein Tier-Panorama hat sich erweitert. War früher bei den Ameisen Schluss, sind diesmal auch die winzigen Bärtierchen aus der so genannten "Sandlücken-Fauna" dabei. Und man liest von einer Antilope, die "Ducker" genannt wird - und sich auch genauso verhält. Möglich, dass dies für fortgeschrittene Biologie-Experten nichts Neues ist. Für den Biologie-interessierten Laien sind solche Geschichten aber echte Schmankerl mit hohem Info-Gehalt.
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Produkt-Bild: Firmin - Ein Rattenleben

Firmin - Ein Rattenleben von Sam Savage

Gebundene Ausgabe von Ullstein Hc
Preis bei Amazon: EUR 16,90, Angebote ab EUR 9,30

3,5 von 5 Punkten
3,5 von 5 Punkten (durchschnittliche Bewertung)
ISBN: 355008742X, Erscheinungsdatum: August 2008
Zoom ± Produkt-Bild: Firmin - Ein Rattenleben

5 Kundenrezensionen:

Schelmenroman
4 von 5 Punkten 4 von 5 Punkten
Liebe Interessenten, liebe "Mit"leser!
Während des Lesens von "Firmin" erinnerte ich mich an die Roman-Gattung Schelmenroman und Entwicklungsroman.Ich empfand die Ratte als Protagonist eines solchen.
Silvia-Monica
Außen top - innen flop
2 von 5 Punkten 2 von 5 Punkten
Sehr ansprechend ist das Äußere des Buchs: das Cover und der Rough Cut passen super zu der Geschichte einer Ratte.

Toll ist auch die Idee: das Leben einer lesenden Ratte in einer Buchhandlung, wobei sich die Ratte durch die gesamte Weltliteratur frisst bzw. liest. Da hätte man sehr viel mehr draus machen können.

Das Ganze ist allerdings absolut langweilig geschrieben, da ist keine Spannung drin, nur viele Wiederholungen. Es passiert nicht wirklich etwas, es gibt keine Dialoge, und die Literatur bleibt leider nur im Hintergrund.
Wunderschön traurig
4 von 5 Punkten 4 von 5 Punkten
Savage's Firmin fiel mir eher zufällig in die Hände als ich in einer überfüllten Buchhandlung
eigentlich nach einem ganz anderen Roman suchte.
Aber das Bild auf dem Einband des Buches erschien mir einfach zu köstlich, als das ich das Büchlein
ungekauft lassen konnte. Hinzu kam noch die interessant klingende Geschichte einer des lesens mächtigen
Ratte die sich dazu entschlossen hatte dem geneigten Leser ihr Leben zu beichten.
Ich dachte eigentlich der Roman wäre leicht zu verdauen, schlicht, aber, bedingt durch seine Geschichte,
witzig und aufheiternd. Ich habe mich schon lange nicht mehr in einem Buch so sehr getäuscht.
Der Roman ist traurig. Das allein ist natürlich nicht schlimm, schließlich gibt es viele traurige Bücher die trotzallem,
oder gerade wegen ihrer Traurigkeit, schön sind.
Dieses Buch darf aber noch eine Eigenschaft sein Eigen nennen: Es ist vollkommen, und ohne Einschränkungen, ohne Hoffnung.
Von der ersten bis zur letzten Seite ist diese Geschichte voll von zerstörten Träumen, Enttäuschungen und sich nie erfüllenden Sehnsüchten.
Die Welt in 'Firmin' liegt im Sterben und so verhalten sich auch ihre Charaktere.
So unterschiedlich diese Charaktere auch alle sein mögen, so verbindet sie doch die tragischen Umstände ihrer Existenz - und ihres Niedergangs.
Diese fast schon selbstzerstörerisch anmutende Melancholie macht 'Firmin' wunderschön traurig.
Da sehe ich auch gerne mit einem zugekniffenen Auge über einige inhaltliche Schwächen, die teilweise schon genügend von meinen Vorrednern erörtert wurden, hinweg.

Was bleibt nach dem Lesen, abgsehen von einer anhaltenden Traurigkeit, übrig von diesem Buch?
Vielleicht ist es bloß der Gedanke, dass eine Ratte, der wir auf einem nächtlichen Spaziergang begegnen, nur sagen möchte: "Auf Wiedersehen Reißverschluss!".
Druckfrisch Empfehlung!
2 von 5 Punkten 2 von 5 Punkten
Nachdem ich die persönliche Empfehlung von Dennis Scheck in "Druckfrisch" und den Plott kannte dachte ich dass, dieses Buch ein Muss sei. Ich bin enttäuscht worden, auch wenn die liebevolle Art den Leser und ein paar Kapitel hinwegträgt ist es doch recht langweilig, da es meist nur eine Aufzählung toller Bücher ist und ausser dem Schriftsteller Jerry keine starken Persönlichkeiten bietet... wie gesagt ein paar Kapitel sind schön der Rest ist fad... :(
Firmin - Sam Savage
3 von 5 Punkten 3 von 5 Punkten
Was ist eine Leseratte? Eigentlich ein Mensch der viel liest, oder? In diesem Buch gibt es wortwörtlich um eine Leseratte. Ihr Name ist Firmin und er ist das 13 Kind einer Rattendame die sich einen Keller unter einem Buchladen zum Gebären ausgesucht hat. Diese Tatsache besiegelt Firmins Schicksal. Anders als seine anderen Geschwister und Brüder verlässt er den Buchladen nicht und so knabbert er sich munter durch die ganze literarische Bandbreite. Und knabbern tut er wirklich. Jedes Buch hat für ihn eine andere Geschmacksrichtung, mal süß, mal sauer oder auch bitter. Da bekommt die Bezeichnung Schwere Kost eine ganz andere Bedeutung. Ein anderer wichtiger Aspekt des Buches ist, dass die Ratte Firmin sich vermenschlicht. Er schaut sich gerne Filme im Lichtspielhaus an, und träumt sich selber in die Rollen hinein. Und nie als Ratte, nein, er träumt davon Mensch zu sein. Auch möchte er gerne Beziehungen zu Menschen führen. Dafür lernt er sogar einen Satz in Gebärdensprache. Aber bekanntlich ist es schwer sich mit Tieren zu unterhalten, und so werden Firmins Bemühungen nicht gesehen oder er erschreckt die Menschen. Bis er irgendwann einen Menschen findet der ihn wenigstens ein bisschen zu verstehen scheint.
Eine Besonderheit an diesem Buch ist, dass gänzlich die wörtliche Rede fehlt. Hier gibt es keine verbalen Schlagabtausche, alles wird in einer Ich-Erzählung aus der Sicht Firmins aufgezeigt. Das hat zur Folge dass die Geschichte manchmal etwas vor sich herschleicht und manche Passagen etwas uninteressant erscheinen.
Das Cover des Buches ist auch sehr schön gestaltet. Die Seiten sind uneben und lassen das Buch alt aussehen. Das Cover ziert eine gemalte Ratte mit großen Augen und die Farbe lässt an Pergament erinnern. Auch ein Lesebändchen ist dabei.

+ liebevoll gezeichneter Hauptcharakter
+ tolles Buchcover

- keine wörtliche Rede
- teilweise uninteressante Passagen
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Produkt-Bild: Geschichten vom Ursprung des Lebens: Eine Zeitreise auf Darwins Spuren

Geschichten vom Ursprung des Lebens: Eine Zeitreise auf Darwins Spuren von Richard Dawkins

Gebundene Ausgabe von Ullstein Hc
Preis bei Amazon: EUR 29,90, Angebote ab EUR 26,60

4 von 5 Punkten
4 von 5 Punkten (durchschnittliche Bewertung)
ISBN: 3550087489, Erscheinungsdatum: Oktober 2008
Zoom ± Produkt-Bild: Geschichten vom Ursprung des Lebens: Eine Zeitreise auf Darwins Spuren

Aus der Amazon.de-Redaktion


Rechtzeitig zum doppelten Darwinjubiläum im Jahr 2009, in dem sich der Geburtstag des Naturforschers zum 200. und das Erscheinen seines revolutionären Hauptwerks über Die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl zum 150 Mal jähren, drängen massenhaft neue oder neu aufgelegte Bücher seiner Jünger und Epigonen auf den Markt. Bei dem hier anzuzeigenden Werk aus der Feder des britischen Evolutionsbiologen und bekennenden „Ultradarwinisten“ Richard Dawkins handelt es sich um letzteres.
Vier Jahre nach Erscheinen des von Fachwelt, Medien und Publikum gleichermaßen bejubelten Bestsellers des Oxfordprofessors, der im Original den Titel The Ancestor’s Tale. The Pilgrimage to the Dawn of Life trägt, liegt nun eine hochwertige, ansprechend aufgemachte und insgesamt recht ordentlich übersetzte deutsche Ausgabe vor. Einzig der Titel lässt zu wünschen übrig, denn er verschleiert das Konzept des Autors, der inspiriert von Chaucers Canterbury Tales den Leser auf eine fast 900 Seiten lange Pilgerreise zu den Ursprüngen des Lebens mitnimmt. Eine bemerkenswerte Terminologie übrigens für einen beinahe militanten Atheisten und streitbaren Religionskritiker. Aber durchaus mit Bedacht gewählt, denn als Missionar der Vernunft ist er nach eigenem Bekunden genau deshalb ein Gegner des Glaubens an das Übernatürliche, weil dieser es auf entsetzliche Weise versäume, der „erhabenen Größe der wirklichen Welt Gerechtigkeit widerfahren zu lassen“.
Obwohl ein glühender Verfechter des Darwinismus, lehnt Dawkins die Vorstellung einer zielgerichteten Evolution, die womöglich in dem alles andere als perfekten Homo sapiens kulminiert, ab. Weil er die Entwicklungsgeschichte des Lebens als unwiederholbar erachtet, zeichnet er sie in seinem Buch auch im Rückwärtsgang nach: Mensch – Menschenaffen – Primaten – Säugetiere – Wirbeltiere – Deuterostomier und so weiter bis hin zum allerletzten Urahn allen Lebens. Richard Dawkins, der nicht umsonst zu den herausragenden Intellektuellen unserer Zeit gezählt wird, ist mit diesem Buch, das durchaus das Zeug zum Standardwerk hat, ein großer Wurf gelungen. Spannender und unterhaltsamer kann man Naturwissenschaft für den Laien verständlich kaum aufbereiten. Franz Klotz
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4 Kundenrezensionen:

ein Buch für diese Zeit
5 von 5 Punkten 5 von 5 Punkten
Herrlich, wie Dawkins auf die Kreationisten eindrischt, genau an den Stellen, wo die Munition am schärfsten ist. Hier scheiden sich wirklich die Geister in klein und offen. In nur zehn Jahren wird man diese Passagen kaum mehr begreifen, weil die George W. Bush-Episode schon so lange her ist, aber heute ist diese Form der Auseinandersetzung schlicht notwendig. Danke dafür!
Leider verschwurbelt Dawkins gelegentlich an manchen Stellen, wo uns statt (Noch-Nicht-) Wissen nur vernünftiges Glauben zur Verfügung steht. Etwas ermüdend ist seine Lust an der Wiederholung.
Das Konzept der Begegnungen auf der Reise 'vorwärts' in die Vergangenheit führt elegant weg von der anthropozentrischen Sichtweise "Donnerwetter, von denen stammen wir auch ab? So wichtig sind wir?".
Es tut uns Dinos der Gegenwart ganz gut, daran erinnert zu werden, dass wir nur ein Fliegendreck in einer Vielzahl gewaltiger miteinander verflochtener Stammbäume von Arten und Genen sind.
Nicht auf der Höhe der Zeit
1 von 5 Punkten 1 von 5 Punkten
Leider ist dies ein Buch, das nicht auf der Höhe der Zeit ist. Was Ursprung des Lebens wirklich heisst, kommt bei Dakwins gar nicht oder nur am Rande zur Sprache: RNA-Welt (Carl Woese), Gene unter dem Kommando von RNA, horizontaler Gentransfer (Austausch von Genen zwischen lebenden Einheiten) und Endosymbiose (das Paradebeispiel von biologischer Kooperation überhaupt). Um die Frage was Leben ist, drückt sich der Autor geschickt herum. Ausgerechnet die Vererbung sei es, die Leben ausmache. Nur leider passt da der horizontale Gentransfer (der spielerische Austausch von Genen zwischen lebenden Einheiten), der am Beginn der Evolution über hunderte von Millionen Jahre die absolut vorherrschende Form der Vererbung war, ganz schlecht ins Konzept. Last but not least: Das Human Genome Project und die Analyse weiterer Genome barg eine Fülle neuer Erkenntnisse zu der Frage, wie sich das System der Gene evolutionär entwickelt hat, dazu aber leider völlige Fehlanzeige. Warum? Weil der Autor des "egoistischen Gens" zwar gerne viele Theorien aufstellt, tatsächlich aber nur sehr wenig Konkretes über reale Gene weiss. Gerade hier aber, bei den Genen, spielt beim Thema Evolution heute aber die Musik. Kurz: Ein Buch, das nicht auf der Höhe der Zeit ist.
Hervorragender Überblick über die Geschichte des Lebens
5 von 5 Punkten 5 von 5 Punkten
Dies ist mal ein Buch von Richard Dawkins, was mir uneingeschränkt gefällt. Im Vordergrund steht die Evolution und Geschichte des Lebens (und weniger die Evolutionstheorie). Und in der Hinsicht habe ich bislang kaum ein ähnlich informatives und vor allem auch gut lesbares Buch in der Hand gehabt. Man erhält einen hervorragenden Überblick über die gesamte Geschichte des Lebens, so wie sich die Evolutionsbiologie dies aktuell vorstellt. Im Grunde ist das Buch so etwas wie Bill Brysons Eine kurze Geschichte von fast allem, jedoch eingeschränkt auf die Geschichte des Lebens. Es eignet sich auch sehr gut als Weihnachtsgeschenk für biologisch interessierte Schüler und Schülerinnen.

Im Rahmen des Buches begibt sich Dawkins - in Anlehnung an Geoffrey Chaucers mittelalterliche Erzählungen The Canterbury Tales - auf eine zeitlich rückwärts gerichtete Pilgerreise durch die Geschichte des Lebens, angefangen von heute bis zu seiner Entstehung, wobei man sehr viel über verschiedene Arten, historische Epochen und Katastrophen erfährt. All diese ist äußert lesenswert, ja manchmal sogar ein Genuss.

Eingehend widmet sich Dawkins der Frage, wie im Laufe der Evolution bestimmte Strukturen (zum Beispiel Augen) mehrfach entwickelt werden konnten. In der Natur scheint sich nicht nur alles rein zufällig immer wieder neu zu entwickeln, sondern es gab eine ganze Reihe Entwicklungswiederholungen.

Anders als Darwin, dessen Evolutionstheorie sich ausdrücklich auf den Ursprung beziehungsweise die Entstehung der Arten und damit letztlich auf Mehrzeller beschränkt (was zunächst einmal Sinn macht, denn mit den Mehrzellern begann eine ganz neue Entwicklungsstufe beziehungsweise Systemebene des Lebens), geht Dawkins bis an den Ursprung des Lebens zurück und stellt die Frage, was dessen Charakteristika sind. Bei der Beantwortung nimmt er im Grunde eine reduktionistische Haltung ein: Die strukturelle Gemeinsamkeit des Lebens ist die Vererbung. Leben lässt sich für ihn nicht eindeutig definieren, Vererbung dagegen schon. Systemtheoretiker, die die entscheidenden Merkmale des Lebens üblicherweise als emergente (nichtreduzierbare) Eigenschaften auffassen, würden ihm in diesem Punkt wohl energisch widersprechen (siehe Mersch: Evolution, Zivilisation und Verschwendung: Über den Ursprung von Allem).

Unabhängig davon weist Joachim Bauer in Das kooperative Gen (andere Autoren ebenso) darauf hin, dass neue Lebensformen im Laufe der Evolution keineswegs nur durch Vererbung, sondern unter anderem auch durch Vereinigung (Endosymbiose, Gentransfer, ...) entstanden sind. Auch könnte man sich rein theoretisch Lebensformen vorstellen, die prinzipiell beliebig lange fortbestehen können, ohne sich dabei ständig fortpflanzen zu müssen. Im Prinzip könnte man sogar moderne Unternehmen, die jederzeit in der Lage sind, ihre vorhandenen biologischen "Zellen" (Mitarbeiter) gegen ganz andere zu ersetzen, als eine solche Lebensform auffassen.

Doch diese möglichen Einwände sind für die Einschätzung des Gesamtwerks, dessen Lektüre sich allein schon aufgrund der großartigen Zeitreise lohnt, insgesamt nur von geringer Bedeutung.
Ein wissenschaftliches Meisterwerk, das auch sprachlich und erzählerisch überzeugt
5 von 5 Punkten 5 von 5 Punkten
Der Evolutionsbiologe Richard Dawkins hat vor einiger Zeit mit seinem Buch "Der Gotteswahn" eine heftige Diskussion ausgelöst, an der sich auch der Rezensent in vielen Rezensionen beteiligt hat. Er vertritt dabei einen aggressiven Atheismus und stellt alle Religionen in einem wahren Furor, der jeglicher intellektueller Redlichkeit Hohn spricht , unter den Generalverdacht des Wahnsinns.

Das ist eine gefährliche, dogmatische und generalisierende Verurteilung aller Religionen, die mehr über den Autor aussagt und seine Probleme damit, als über das Thema selbst. Das vorliegende, in den USA schon 2004 veröffentlichte opus magnum von Dawkins allerdings behandelt dieses Thema überhaupt nicht. Sondern es geht in diesem wie ein wissenschaftliches Lesebuch zu lesenden Werk um eine komplette Darstellung seiner evolutionsbiologischen Forschungen, die sich immer wieder auf Charles Darwin beziehen.

Es ist das erste Buch dieser Art, das sowohl wissenschaftlich fundiert als auch sprachlich und erzählerisch ansprechend einen weiten Kreis von an Naturwissenschaft interessierten Menschen anspricht. Die Geschichten, die Dawkins in diesem wunderbaren Buch erzählt, berichten alle von der großen Ehrfurcht vor dem Leben und sie belegen Darwins Theorie immer wieder.

Man fragt sich bei der spannenden Lektüre gelegentlich, wieso ein Wissenschaftler, der ein solches Buch schreibt, wenige Jahre später alle wissenschaftlichen, ethischen und sprachlichen Standards außer acht lässt, um mit einem beispiellosen Hass ohne Differenzierung und geschichtslos über die Religionen herzuziehen.

Was mag mit diesem Mann in der Zwischenzeit geschehen sein ?
Dennoch: man muss die beiden Bücher auseinanderhalten. Das vorliegende ist ein Meisterwerk der wissenschaftlichen Literatur, das sicher noch lange Bestand haben wird.
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Produkt-Bild: Die Bibel und ich

Die Bibel und ich von A. J. Jacobs

Gebundene Ausgabe von Ullstein Hc
Preis bei Amazon: EUR 19,90, Angebote ab EUR 15,00

4,5 von 5 Punkten
4,5 von 5 Punkten (durchschnittliche Bewertung)
ISBN: 3550087241, Erscheinungsdatum: Sept. 2008
Zoom ± Produkt-Bild: Die Bibel und ich

5 Kundenrezensionen:

was für ein mutiges Projekt!
5 von 5 Punkten 5 von 5 Punkten
Als ich A.J. Jacobs Buch an einem Sonntag in der Auslage meines Buchhändlers entdeckte war ich schon gefesselt. Wie kann man es denn nur schaffen, 1 Jahr lang ganz nach den Regeln der Bibel zu leben?
Tags darauf war das Buch schon mein, und meine eigene Reise durch die Bibel begann.
A.J. schafft es auf wundervolle Weise ALLE Menschen die -zumindest ein kleines- Interesse an der Bibel haben einzufangen (sonst würde man auch dieses Buch kaum lesen). Egal, ob man schon jahrelang darin blättert und sucht oder ob man sich der Bibel bisher nur unter dem Aspekt "wo soll ich da nur anfangen?" genähert hat oder sie nur skeptisch hin und wieder aus dem Augenwinkel heraus im Bücherregal wahrgenommen hat.
In diesem Buch erfährt man alle über die skurrilsten und aus heutiger Zeit betrachtet verrücktesten Regeln und Vorschriften die in der Bibel zu finden sind. Das lässt einen schmunzeln und hin und wieder sogar lauthals lachen. A.J. versucht aber immer, die Hintergründe für jede noch so absurde Vorschrift zu finden und gibt dem Leser jeweils seine eigenen Gedanken und Erfahrungen dazu weiter.
In noch keinem anderen Buch habe ich so viel auf so einfache und humorvolle und doch sehr ernste Art und Weise über die Bibel gelernt und erfahren. Keines hat mich so neugierig auf sie gemacht. Einige Textstellen die A.J. angab musste ich einfach im Original nachschlagen. Und siehe da - ich hielt meine Bibel in der Hand, blätterte darin, fand was ich suchte und machte mir meine eigenen Gedanken dazu.
Ich bin froh, dass A.J. bereit war, dieses Bibeljahr auf sich zu nehmen und all seine Erfahrungen, die ihn sicherlich wachsen ließen, mit uns in seinem Buch teilt. Ich wäre nicht bereit, ein Jahr lang streng nach der Bibel zu leben. Aber näher gebracht hat er es mir, das Buch der Bücher. Und auch viele seiner Wahrheiten und Weisheiten. Dafür danke!
Die Suche nach Gott -
5 von 5 Punkten 5 von 5 Punkten
Ein Buch über die Bibel, welches man Gläubigen und Atheisten gleichermaßen empfehlen kann - das gibt es nicht.
Wirklich ? Hier ist es !

Da ich nur die englischsprachige Originalausgabe kenne, weiß ich nicht, ob die deutsche Ausgabe den Sprachwitz, der durchaus vorhanden ist, genauso gut rüberbringt - aber die bisher gelesenen Rezensionen lassen das doch hoffen!

Der Autor schreibt nie langweilig, dabei immer informativ und sehr oft witzig über das Buch der Bücher und seine einjährige Erfahrung mit dem Leben strikt nach der Bibel.
So möchte er Laufe seiner Studien unbedingt jemanden steinigen, traut sich aber nicht so recht - ein Ehebrecher wäre ihm recht. Er findet ihn auch dann ganz zufällig im Park und fühlt sich nach einem Kieselsteinwurf und der "Steinigung lite" recht erleichtert ...

Er hat Probleme, mit seinem kleinen Sohn Figuren aus Knetmasse zu machen, da er sich doch keine Ebenbilder von Dingen machen soll; er hat Probleme mit seiner Frau, da er sie an den "unreinen Tagen" nicht anfassen darf und da er den 10. Teil seines Einkommens spenden muß (was er sich aber nicht leisten kann), er baut sich eine Hütte ins Wohnzimmer und schläft dort einige Zeit(warum? lesen Sie es selbst nach!), er wird ob seines wilden Haarwuchses und der Kleidung auf den Straßen New Yorks schräg angeschaut ... und fragt immer wieder bei Gelehrten nach, ob seine Auslegung der Bibel auch wirklich die "richtige" ist oder ganz anders verstanden werden muß. Und da kommen oft sehr überraschende und nachdenkenswerte Meinungen zutage.

Besuche bei den Amish, bei orthodoxen Juden und religiösen christlichen Fundamentalisten runden das Buch ab. Der Autor ist nie herablassend oder verletzend, er sucht einfach Antworten auf Fragen und unterhält sich auch mit einem Zeugen Jehovas stundenlang, bis dieser dann von zuhause einen Anruf bekommt, wo er denn bliebe...

Witzig, lehrreich, kurzweilig, zum Nachdenken anregend.
Was will man mehr von einem Buch, dazu noch deinem etwas anderen Buch zum Thema Religion!

Egal, ob man eh schon bibelfest ist oder nur an Weihnachten die Kirche entdeckt - dieser Tatsachenroman dürfte eigentlich jeden begeistern.
Fazit: Sehr empfehlenswert.
Super!
4 von 5 Punkten 4 von 5 Punkten
Als ich ein Interview mit A. J. Jacobs in einer NEON-Ausgabe las, wusste ich, ich muss dieses Buch lesen. Hab ich dann schließlich auch. Es ist meiner Meinung nach witzig -nicht so witzig wie ich dachte- jedoch trotzdem durchwegs Interessant. Ich hab auch das Gefühl etwas mehr als vorher Gottes Gebote zu achten und bemerk nun auch wie oft ich gegen sie verstoße und dass, auch leider schon oft bei den 10 Geboten. Ich kann guten Gewissens es den Leuten weiter empfehlen, die auf witzige Art und Weise dieses Experiment nach lesen wollen und/oder die vielleicht der Bibel etwas näher kommen möchten.
Einfach SUPER!!!!!
5 von 5 Punkten 5 von 5 Punkten
Ich fand dieses Buch ganz ganz toll. Erstens ist es sehr unterhaltsam. Der Autor zieht die ganz Sache auch wirklich durch. Zweites ist es auch lehrreich. Man lernt Sachen über das alte und neue Testament die man nicht kannt. Auch bietet es Einblick in den Religionsbezug der Amerikaner. Manche Sache/Leute sind einfach irr. Drittens hat mir die Selbstironie des Autors gefallen. Also unbedingt lesen!
Stellenweise langweilig!
2 von 5 Punkten 2 von 5 Punkten
Ein Buch, das ich irgendwann nur noch in der Mittagspause gelesen habe, weil es mir ansonsten zu langweilig wurde. Wobei ich "hartes" gewohnt bin, da ich schonmal die Bibel komplett gelesen hatte, die war aber im Endeffekt spannender!
Man kann dieses Buch gerne lesen, ich selbst habe mir aber anscheinend zuviel davon versprochen nachdem ich Kritiken darüber gelesen hatte!

Was ich auch ein wenig als störend empfand, war die ewige Markenartikelnennerei. Entweder ich lebe nach der Bibel und schreibe darüber oder ich mache einen Werbervertrag mit "Starbucks". Beides zusammen beißt sich ein wenig, finde ich!
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Produkt-Bild: Nachtflug

Nachtflug von Nelson DeMille, Nelson de Mille, Georg Schmidt

Gebundene Ausgabe von Ullstein Hc
Preis bei Amazon: EUR 7,95, Angebote ab EUR 4,05

3,5 von 5 Punkten
3,5 von 5 Punkten (durchschnittliche Bewertung)
ISBN: 3550086210, Erscheinungsdatum: 2005, Auflage: 1
Zoom ± Produkt-Bild: Nachtflug

5 Kundenrezensionen:

Unterhaltsam, aber durchschnittlich
3 von 5 Punkten 3 von 5 Punkten
Ich mag John Corey, den Detective aus der Feder Nelson de Mille. Er ist für mich ein bißchen wie John Mc Lane in Stirb Langsam. Darum lese ich die Thriller auch sehr gerne. Der Spruch ist cool, die Geschichten sind spannend, aber in diesem Fall hätte ich mir doch ein wenig mehr gewünscht. Es gibt definitiv KEINE Auflösung des Falls. Auch wenn der Grund, warum es keine Lösung gibt durchaus spektakulär ist, soviel kann ich sagen. Alles in allem, 3 Sterne sind es in jedem Fall und wenn das Ende noch ein wenig detailierte gewesen wäre, hätte es vermutlich einen 4. dazugegeben.
Gute Story - netter Verlauf - schwaches Ende
2 von 5 Punkten 2 von 5 Punkten
Im Prinzip ist den bisherigen Kommentaren nichts hinzuzufügen - aber BEKRÄFTIGEN kann ich folgendes:
- sehr gute Idee, basierend auf einer realen Tragödie, die nach wie vor Verschwörungstheoretikern aufrecht erhalten wird und somit schon genügend Stoff liefert
- wieder gut geschrieben, gespickt mit gewohnt zynischem Humor und subtiler Spannung
- netter Verlauf, aber irgendwann fehlt es dem Autor dann plötzlich an Atem und die Kurve geht bergab, so dass es fast wie im Telegrammstil geschrieben anmutet
- das Ende ist kreativ - allemal - aber doch so aprupt, unbefriedigend, unwahrscheinlich und läßt einfach zu viele und vor allem basale Fragen offen -->
Gelungene Spannung bis zum Schluß
4 von 5 Punkten 4 von 5 Punkten
Nelson de Mille ist mit dem Titel "Nachtflug" wieder ein spannender Roman gelungen.
In der Reihe John Corey als Hauptfigur und seiner Frau Kate Mayfield sehen die Beiden turbulenten Zeiten entgegen. John Corey ist ja bekannt für seine Sprüche, die dem Leser den gewissen Kick geben und teilweise auch gut für die Lachmuskulatur sind. Erzählt wird von dem TWA Flug von New York nach Paris, dass am 17. Juli 1996 abgestürzt ist.
Der Autor schrieb dieses Buch basierend auf einer wahren Geschichte. Einige PAssagen, können auch im Internet verfolgt werden. Beispielsweise wurden die Teile des Flugzeuges zusammengesetzt und in der Nähe vom Unfallort in einem Lager/Lagerhalle wieder aufgebaut. Nelson de Mille gelingt es die Realität mit schönen Worten in einen spannenden Roman zu verfassen. Das Buch bleibt bis zum Ende sehr spannend.
Leider ist das Ende jedoch sehr überzogen und dafür gibt es von meiner Seite nur 4 Sterne.
Der bisher schwächste "John Corey" -Roman
3 von 5 Punkten 3 von 5 Punkten
Eine spannende Geschichte die ich wieder sehr schnell "verschlungen" habe. Eine sehr interessante Idee liegt dem Roman zugrunde die auf einem realen Flugzeugabsturz basiert. Die tatsächlich Fakten gewürzt mit Fiktion, Verschwörungstheorien und Humor ergeben den intelligenten Plot.

John Corey ist wieder herrlich zynisch, er eckt überall an und bringt sich mal wieder selber in Schwierigkeiten. Er ist eigentlich genauso wie in den beiden Vorgängerromanen "Goldküste" und "Das Spiel des Löwen". Außer ihm tauchen noch andere bekannte Namen aus den beiden Romanen auf und Erlebnisse aus den Romanen werden wiederholt erwähnt. Es ist zwar schöner wenn man die beiden Bücher kennt, es ist aber nicht zwingend notwendig sie gelesen zu haben.

Das Buch ist aber insgesamt nicht so gut wie die beiden Vorgänger oder andere Romane von deMille. Und die atemlose Spannung vom "Spiel des Löwen" oder meinem Favoriten "Die Kathedrale" erreicht er lange nicht. Aber das Buch ist alles in allem gute, spannende und intelligente Unterhaltung wie man es von deMille gewöhnt ist. Vielleicht hätte es auch noch einen Stern mehr gegeben wenn meine Ansprüche an meinen Lieblingsautor nicht so groß gewesen wären.
Schön erzählt, aber nicht ganz so spannent wie die anderen De Milles
4 von 5 Punkten 4 von 5 Punkten
De Mille greift den Absturz der TWA Maschine aus dem Jahr 1996 auf. Hierüber wurde in Amerika viel spekuliert, ob technischer Defekt oder Abschuss durch Terorristen. De Mille bezieht hier klar Stellung. Sein Held, der schon in anderen seinen Romanen vorkommt, is nach wie vor Witzig, die Sory plätschert aber über Strecken dahin. Hier ist nicht mehr diese nonstop aktion zu finden, wie in seinen vorhergehenden Romanen. Dieses Nachlassen ist nicht ganz so krass wie bei Grisham, aber dennoch spürbar. Das Buch ist auf jeden Fall lesenswert und der Schluss nicht gleich offensichtlich.
Ein Held, der den eigenen Geheimdienst gegen sich aufbringt, nur weil er Licht in diese Angelegenheit des Absturzes bringen will.
Nette Unterhaltung
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Produkt-Bild: 'Ich bin der letzte Mohikaner'

'Ich bin der letzte Mohikaner' von Henriette Kaiser, Joachim Kaiser

Gebundene Ausgabe von Ullstein TB-Verlag
Preis bei Amazon: EUR 24,90, Angebote ab EUR 17,90

2,5 von 5 Punkten
2,5 von 5 Punkten (durchschnittliche Bewertung)
ISBN: 3550086970, Erscheinungsdatum: Oktober 2008
Zoom ± Produkt-Bild: 'Ich bin der letzte Mohikaner'

3 Kundenrezensionen:

Musikbeilage - kein Hörbuch!
1 von 5 Punkten 1 von 5 Punkten
Der Beschreibung entnimmt man, dass es die Hörbuch-Version der von der Tochter geschriebenen Biographie des Vaters ist.
Dem ist nicht so - es handelt sich lediglich um eine Zusammenstellung Kaiser's wichtigster Musikstücke, vielleicht hilfreich beim Lesen der Biographie, nicht jedoch die Biographie selbst in Audio-Form, auch nicht gekürzt.
Steigen Sie ein in die Lebens- und Gedankenwelt eines der letzten Großkritiker unseres Landes - Vorsicht: Hochmutgefahr
4 von 5 Punkten 4 von 5 Punkten
Neben Marcel Reich - Ranicki, der unlängst eine nicht ganz unumstrittene Vorstellung im Fernsehen gab, indem er den Deutschen Fernsehpreis anlehnte und das Fernsehen pauschal als Quatsch verurteilte, ist der mittlerweile auch schon 80-jährige Joachim Kaiser einer der letzten Großkritiker der deutschen Kulturszene, eben einer der "letzten Mohikaner".

Unter eben diesem Titel hat Joachim Kaisers Tochter Henriette, die als Fernsehjournalistin und Schriftstellerin arbeitet, zusammen mit ihrem Vater eine ganz besondere Form der Biographie geschrieben, die sich liest wie eine Kulturgeschichte Nachkriegsdeutschlands bis zur Gegenwart.

Joachim Kaiser war es stets wichtig, die Bewahrung der Tradition, ja, wenn es sein musste, der ganzen Abendlandes hervorzuheben, und das schon ganz früh.
"Wir Jungen nahmen damals Kunst, Bildung und Intellektualität viel ernster, als es heute üblicherweise der Fall ist -aus einem ganz besonderen Grund. Wir hatten in der Jugend die Freiheitsberaubung durch eine Diktatur und einen Krieg erlebt. Wir wussten, wie wichtig Freiheit ist. Das wollten wir in unserer Arbeit zum Ausdruck bringen."

Und diese Freiheit kostete der junge Kritiker aus. Er schrieb über Musik, über Theater, über Literatur. 50 Jahre hat er für die Süddeutsche Zeitung geschrieben. "Im Falle des Falles, schreibt Kaiser über alles" - so hieß es dort oft.
Seine Tochter Henriette hat in diesem Buch durch ihre Art des Fragens ihren Vater zu sehr eindrucksvollen Antworten "verführt", bei denen sich wieder einmal sein fast grenzenloses Selbstbewusstsein offenbart, ohne das man (siehe Reich-Ranicki) wohl nicht zum Kritikerpapst aufsteigen kann. Oft langweilt sein pathosgeschwängertes, langatmiges Reden, doch dann wird es plötzlich abgelöst durch eine Erkenntnis, die man unbedingt gleich festhalten möchte.

Kaiser ist ein echter Verfechter der Hochkultur, der die Hoffnung nicht aufgibt:
"Die Chance, auf die wir alle hoffen, besteht darin, dass plötzlich ein Widerstand der Konsumenten erwächst: Nein, wir wollen diesen Quatsch nicht mehr mitmachen, wir wollen endlich wieder Brot statt Steine."

Nur, liebe Kritiker: wer definiert, was Brot ist und was Steine ? Die Grenze zum bildungsbürgerlichen Hochmut gepaart mit der Verachtung der Dummheit der Unterschicht ist schmal und auch wir hier als Rezensenten von Büchern sind nicht dagegen gefeit.
Ein Universalgenie: Joachim Kaiser.
3 von 5 Punkten 3 von 5 Punkten
Henriette Kaiser/ Joachim Kaiser
Ich bin der letzte Mohikaner Ullstein ISBN 3550086970

Ein Universalgenie: Joachim Kaiser!

In Ostpreußen geboren, nach dem Studium der Philosophie, Soziologie, Musikwissenschaften und Germanistik schon früh als Journalist gestartet, kann man Joachim Kaiser als einen der ungewöhnlichsten Universalgelehrten des letzten Jahrhunderts betrachten.
Er ist in einem gebildeten Elternhaus in Ostpreußen mit klassischer Musik aufgewachsen und kannte sich früh aus in der Musikwelt. Viele Werke konnte er selber auf dem Klavier spielen. Im Elternhaus verkehrten berühmte Musikergrößen der damaligen Zeit. Sein Vater war Arzt und in seiner Haltung eher konservativ. Er brach einmal ein kontroverses Gespräch mit dem Sohn über Politik mit der Bemerkung ab:
Wer in einem Klima mit derart liberaler Haltung und ästhetischem Bewusstsein aufgewachsen ist, dem sind die Götter gewogen. Joachim Kaiser hatte keine Hürden zu überwinden, als er schon in jungen Jahren zur Süddeutschen Zeitung stieß und später als dessen Feuilletonchef zu Anerkennung und Ansehen gelangte. Er war Musik-, Theater - und Literaturkritiker. Mit einer sensationellen Besprechung über die < Philosophie der neuen Musik > von Theodor W. Adorno, die 1951 zunächst in den Frankfurter Heften erschienen war, hatten sich ihm für die Zukunft die Feuilletonredaktionen großer Zeitschriftenverlage geöffnet. Eine derartig schwierige Besprechung über die Musiktheorien Adornos zeugte von der hohen Intelligenz des Autors, der damals noch nicht einmal 23 Jahre alt war.
Seine Tochter Henriette Kaiser hatte bereits eine Dokumentation über ihren Vater mit dem Titel < Musik im Fahrtwind > für das Fernsehen aufgezeichnet, als sie und ihr Vater vom Ullsteinverlag gebeten wurden, ein ähnliches Buch zu erarbeiten. Das Ergebnis liegt hier vor.
Zusammengesetzt aus Interviews, Gesprächen, Essays, Zeitzeugnissen und Artikeln von Joachim Kaiser, dazu eigenen Beobachtungen, Bemerkungen und Erinnerungen hat Henriette Kaiser ihren Vater porträtiert. Es ist auf diese Weise ein rundes, ehrliches und ansehnliche Bild dieses ungewöhnlich begabten, versierten, rundum gebildeten und quicklebendigen Mannes entstanden. Natürlich und bewundernd berichtet sie über ihren Vater, der keine Grenzen für sich zu kennen schien, dem alles gelang, der ein heiteres Gemüt und ein weites Herz hatte. Voll sprühender Geistesblitze legt er und sie beredt Zeugnis ab über ein erfülltes und breit angelegtes Lebenswerk. Gescheit, redegewandt und reaktionsschnell hat er sich zeitlebens im Kreise bekannter Dichter, Künstler und Gelehrter bewegt, die vielfach namentlich hier Erwähnung finden. Etwas salopp ist seine Bemerkung über < das gebildete deutsche Bürgertum, das die Nazis nicht mochte >, zu werten. Hier scheint ein Optimist zu walten, dem, wenigstens in dieser forschen Verallgemeinerung, die Ernsthaftigkeit abgeht.
Häufige Schulwechsel, Neuanfang in der Nachkriegszeit, berufliche Erfolge und persönliche Begegnungen bestimmen das Leben von Joachim Kaiser. Eine Überfülle an Fotos ergänzen den Lebensbericht, der einem Parforceritt durch sein Leben gleicht. Durch die Aneinanderreihung verschiedener Berichte, Briefe und Dokumente gerät zuweilen einiges durcheinander. Wenn vom Vater die Rede ist, weiß man nicht immer, ob es um den Vater Joachim Kaisers geht, oder ob Henriette gerade über ihren Vater spricht. Das Buch ist als Dokument über die Welt der Künstler und Schriftsteller in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts amüsant und aufschlussreich. Man liest es mit Vergnügen.
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Von der Pflicht zu führen: Neun Gebote der Bildung von Bernhard Bueb

Gebundene Ausgabe von Ullstein Hc
Preis bei Amazon: EUR 18,00, Angebote ab EUR 13,98

4 von 5 Punkten
4 von 5 Punkten (durchschnittliche Bewertung)
ISBN: 3550087187, Erscheinungsdatum: Sept. 2008
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Aus der Amazon.de-Redaktion


Vielleicht ist Bernhard Bueb einer der umstrittensten deutschen Pädagogen. Das hat zum einen mit seiner Rolle als Schulleiter von Schloss Salem zu tun, das er mit harter Hand (inklusive Alkohol- und Drogentests unter den Schülern) wieder zu einem angesehenen Elite-Internat gemacht hat. Das liegt aber vor allem an seinem als „Streitschrift“ deklarierten Buch Lob der Disziplin, das bei seinem Erscheinen 2006 zu einer lebhaften Diskussion im Blätterwald des Feuilletons geführt hat. Während die einen Buebs Forderung nach mehr Autorität des Lehrers und mehr Disziplin im Klassenraum als längst überfällige Abkehr von der Achtundsechziger-Pädagogik lobten, rückten Kritiker seine Thesen in die Nähe faschistischer Ideale.
Von der Pflicht zu führen merkt man die Spuren dieser öffentlichen Diskussion deutlich an. Im Gegensatz zu Lob der Disziplin verzichtet Bueb hier eher auf Provokantes, sondern setzt vielmehr verstärkt auf konkrete Beispiele aus der refrmierten Schulpraxis und die Macht der -- teils allzu weitschweifigen -- Erläuterung. Dabei will sich das Buch mit seinen „neun Geboten der Bildung“ als Leitfaden für Lehrer (und zum Teil auch für Schulleiter und Eltern) verstehen, mit dem diese bessere Pädagogen, Erzieher und Bildungsmanager werden sollen. Jedes Kapitel ist mit einem Leitsatz wie „Sei Vorbild!“ oder „Setze klare Ziele“ überschrieben, den der folgende Text näher erläutert. Disziplin und Autorität stehen da noch immer im Zentrum. Aber das, was folgt, ist praktischer angelegt als im Vorgängerbuch.
Von der Pflicht zu führen will nicht mehr und nicht weniger als die „kopernikanische Wende“ in der Bildungspolitik. Deshalb bleibt das Buch an der Tür des Klassenzimmers nicht stehen, sondern fordert -- neben einer konsequenten Evaluationspraxis für Lehrer -- auch ein Schulmodell, dass auf die Ganztagsschule setzt. Da ist sicher vieles konservativ und am klassischen Bildungsbegriff Platons und Goethes orientiert. Aber diskussionswert sind die Thesen Buebs allemal. Und faschistisch sind sie sicher nicht. -- Stefan Kellerer, Literaturanzeiger.de
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5 Kundenrezensionen:

Ein wichtiges, provokantes Buch, dem mit seinen richtigen Thesen eine vorurteilsfreie Rezeption zu wünschen ist
5 von 5 Punkten 5 von 5 Punkten
Nach seinem umstrittenen ersten Buch "Lob der Disziplin", das in Deutschland eine nicht unerhebliche Erziehungsdebatte auslöste, legt der ehemalige Leiter des Eliteinternats Salem am Bodensee, Bernhard Bueb, nun nach. Hatte er in seinem ersten Buch das generelle Fehlen von Werten wie Disziplin, Ordnung und Zuverlässigkeit in der ganzen Erziehung beklagt und dabei einen Verfall von bestimmten Werten als Folge der Studentenbewegung und ihrer Auswirkungen auf die Pädagogik und das Zusammenleben der Menschen als Hauptursache identifiziert, widmet er sich im vorliegenden Buch hauptsächlich dem Erziehungssystem Schule und definiert "Neun Gebote der Bildung." Insbesondere hat er dabei die Person, die Rolle und die Aufgaben eines Schulleiters im Blick. Er zieht von dort auch Fäden zur Führungsrolle von Lehrern und Eltern, wenn er schreibt:
"In der Erziehung ist Führung durch Vorbild der Königsweg. Wenn Kinder und Jugendliche folgen, weil sie so sein wollen wie die für sie Verantwortlichen, der hat schon gewonnen. Die Gefährdung aller Vorbilder ist pharisäische Selbstgerechtigkeit. Das einzige Heilmittel dagegen ist Humor. Niemand kann Vorbild sein, dem es an Humor fehlt.
Obwohl Vorbildlichkeit eine so zentrale Rolle in der Pädagogik spielt, kann jeder Vater, Mutter, leider auch Lehrer oder Schulleiter werden, ohne dass seine Eignung an dem Kriterium gemessen wird, ob er ein Vorbild sein kann. Vater oder Mutter zu werden gilt als Menschenrecht; lediglich formale Einwände kann der Staat dagegen erheben. Die Anstellung von Lehrern und Schulleitern könnten die zuständigen Autoritäten davon abhängig machen, ob sie zum Vorbild taugen. Sie tun es jedoch ganz selten. Die Wirkung als Vorbild gewinnt durch Ausstrahlung, exzellenten Verstand, Kreativität, starke Persönlichkeit, aber auch durch Intuition, Empathie und Gespür für Ideen, deren Zeit gekommen ist. Es sind angeborene Begabungen, die für Führungspositionen höchst nützlich sind, aber nicht vorausgesetzt werden können. Unter dem Begriff emotionale Intelligenz lassen sich diese Eigenschaften zusammenfassen. Menschen mit solchen Begabungen werden mit Recht in höhere Führungspositionen berufen. Ihnen ist aber trotzdem zu raten, das nötige Handwerk zu lernen."

In neun Kapiteln schlüsselt Bueb auf, worin er gute Führung in der Schule sieht. Lehrer sollten ihren Schülern ein Vorbild sein und der Schulleiter seinen Lehrern. Dabei geht er selbstverständlich davon aus, dass Menschen Führung brauchen, sowohl die Kinder als auch die Mitglieder eines Kollegiums. Durch den Missbrauch von "Führung" im Nationalsozialismus werden jedoch auch bei der Bewertung dieses Buches noch viele alte Mechanismen der political correctness einrasten und ausrasten. Dabei ist Leitung und Führung ein urdemokratisches Prinzip und das, was Bueb an vielen gelungenen Beispielen ( z.B. der Helene-Lange-Schule in Wiesbaden ) beschreibt, selbstverständlicher Teil der Alltagsarbeit vieler Eltern und Chefs.

Leider aber ist es noch eine Minderheit. Doch Bueb hat Hoffnung, die der Rezensent teilt:
"Ich möchte mit einer Vorhersage schließen: Wenn sich das Selbstverständnis und die Rolle von Schulleitern und Lehrern soweit ändern, dass sie Führung akzeptieren als einen Weg, die Qualität von Schule zu verbessern, so werden wir vielen Reformversuchen der letzten 30 Jahre zum Durchbruch verhelfen. Und es gibt eine Hoffnung: Die Erkenntnis, dass gute Führung Segen bringt, hat auch die Schule erreicht. Wenn sich in Zukunft an Schulen eine Führungsstruktur entwickelt, dann werden Schulleiter und Lehrer auch Politik als ihre Aufgabe verstehen und sich für die Interessen der Schule stark machen. Victor Hugo wird der Satz zugeschrieben, nichts sei so erfolgreich wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist. Ich glaube, das die Zeit für gute Führung an Schulen gekommen ist."

Dem Buch ist zu wünschen, dass seine wichtigen Thesen durch die Diskussionsbarrieren der political correctness auch in die Lehrerschaft durchdringen.
Vieles was Bueb erläutert, gilt auch für Eltern, die dieses teilweise sicher provokante Buch mit ebensolchem Gewinn lesen können wie Lehrer.
Pflicht zu Führen nur an Schulen?
4 von 5 Punkten 4 von 5 Punkten
Aufgrund des Titels habe ich mich dieses Buch gekauft. Obwohl Bernhard Bueb in seinem Buch insgesamt eine Recht interessante Darstellung seiner Sicht auf die Bildung präsentiert, muss ich dennoch einen Punkt abziehen, da mir das Buch im Verhältnis zum Inhalt etwas zu lang geraten ist. Auch scheint mir die Aufstellung von neun Gebote der Bildung nur unter dem Aspekt der Führung etwas zu einseitig. Leider beschränkte fast ausschliesslich sich das Buch fast ausschliesslich auf die Führung einer Schule. Dennoch finde ich das Buch lesenswert, wenn man seinen eigenen Führungsstill verbessern möchte.
Einfach nur Geschwafel
1 von 5 Punkten 1 von 5 Punkten
Nachdem Bueb mit seinem Lob der Disziplin: Eine Streitschrift in ein vermeintliches Wespennest (bei näherer Betrachtung waren es allerdings eher ein paar tote Motten in der Lampenschale) gestochen hat und bei dem vorm WK2 geborenen Teil unserer Bevölkerung auf entsprechende Begeisterung incl. Buchkaufrausch gestoßen ist, war es zu befürchten, dass eine Fortsetzung folgen würde. Diese ist seitenmäßig genauso dünn ausgefallen wie der Vorgänger, substanzmäßig allerdings noch deutlich dünner: es ist einfach nur das Geschwafel eines aus der Zeit gefallenen Mannes, der darauf auch noch stolz zu sein scheint. Die Welt besteht aber nicht nur aus Salem, und die elitären "Führungspersönlichkeiten", die von solchen Institutionen auf die Menschheit losgelassen werden, haben ihre eigene fachliche, soziale, ethische und emotionale Inkompetenz in den letzen Wochen eigentlich eindringlich genug dokumentiert (von der Zeit vor WK2 reden wir lieber gar nicht erst). Für Leser, die ihre eigene scheuklappenartige Weltsicht bestätigt haben wollen, mag Bueb eine willkommene Lektüre sein; für jeden anderen ist der Inhalt genauso eine Zumutung wie der Preis dieses Büchelchens.
Ja, es gibt eine Pflicht zum Führen
5 von 5 Punkten 5 von 5 Punkten
Wer sich einsetzt, setzt sich aus. Und wer das nicht will, eignet sich auch nicht besonders für Führungsaufgaben. Als Leser merkt man bei der Lektüre sofort, dass Bernhard Bueb sein Führungsmodell im praktischen Alltag lernte, basierend auf einem Weltbild, an das er persönlich glaubt. Und auch wenn ich nicht in jedem Punkt mit ihm einig gehe, sind mir seine Ausführungen lieber als ausgewogene, auf theoretischem Wissen basierende Rundumrezepte von Beratern ohne langjährige Eigenerfahrungen. Mag sein, dass einige Formulierungen etwas antiquiert wirken, die Inhalte sind es nicht.

Es gibt durchaus strukturelle Gründe, warum Lehrer und Schulleiter ihre Führungsaufgaben nicht so wahrnehmen, wie man sich dies wünschte. Und Bernhard Bueb zählt viele diese Gründe auch auf. Vor allem in seinem lesenswerten Exkurs "Schulleiter sind Könige Ohneland". In einem beruflichen Umfeld, in dem die Meinung mehrheitsfähig ist, die Welt lasse sich durch Gesetze, Regeln und Normen verbessern, ist die Versuchung groß, sich aus der persönlichen Verantwortung zu stehlen. Daher endet dieses Buch mit dem Kapitel "Warte nicht auf die Politik, werde selber aktiv!" Wenn der ehemalige Leiter der bekannten Internatsschule Schloss Salem im Alter von siebzig Jahren nicht mehr viel von der Politik erwartet, kann ich das bestens verstehen. Trotzdem empfehle ich jüngeren Semestern einen Zweifrontenkriegen zu wagen. Denn wer soll denn Widerstand gegen träge Mandatsverteidiger leisten, wenn nicht die Jungen?

Christoph Eichhorn hat mit "Classroom-Management" ein Führungsbuch für Lehrer und Lehrerinnen geschrieben, das konkreter auf die Praxis ausgerichtet ist und moderner daherkommt. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass er sich mit Bernhard Bueb verstehen würde. Denn auch Eichhorn geht davon aus, dass Führung mehr mit Charakter und innerer Einstellung zu tun hat als mit einem Programm, wie man in sieben Schritten zum Helden wird. Die Gebote, an die Bernhard Bueb seine Leser erinnert, gehen über Tagespolitik und Moden hinaus, ob sie nun in der Sprache eines Humanisten, eines Alt-68ers oder eines Pfadfinderführers im Teenageralter formuliert sind.

Mein Fazit: Bernhard Bueb macht es seinen Kritikern leicht, sich von ihm und seinen Aussagen distanzieren zu können. Aber genau damit weckt er bei mir Sympathien. Und weil ich den Kern seiner Botschaft wichtig genug finde, springe ich über einige ideologische Schattenwürfe und runde bei der Bewertung auf.
Von der Bedeutung reifegerechten Umgangs
4 von 5 Punkten 4 von 5 Punkten
"[...] nicht zurück, wie's mir beliebt / ich muss die Tat vollbringen, weil ich sie gedacht." (Schiller in Wallenstein, 1800)

Bueb (1938-), der Wallenstein recht gern zitiert, wird auch diesen Wahlspruch aus dem Wallenstein Monolog kennen und auf sich anwenden können. Ist doch sein Denken und sein Wirken geprägt aus der humanistischen Bildung, die noch die Zusammenhänge der Geschehnisse berücksichtigte und beachtete und die nicht auf den Punkt der Zielerreichung allein ausgerichtet ist, sondern darüber hinaus von Wert ist. Menschen in diese Position der Bildung zu begleiten, zu lenken und liebevoll zu führen, eine Position, "die einem gewachsenen Selbstvertrauen entspringt", die Urteilsvermögen entwickelt und so eigenen Lebenssinn schafft "unabhängig von den Verführern dieser Welt" ist Aufgabe und Zweck von Führungskräften mit Herzensbildung. Dieses Dahin-Führen ist für Bueb eben Bildung und so ist Bildung im klassischen Sinne und Führen im Sinne von "leiten, planen, koordinieren, delegieren und kontrollieren" eine notwendige Maxime und Haltung von Erziehungsverantwortlichen. Diese müssen zusätzlich Führung nicht nur als Maßnahme von Macht begreifen, sondern Führung als Maßnahme des Dienens betrachten, in der Elternrolle um die Liebe zu den Kindern ergänzt, in der Lehrerrolle ergänzt um verständnisvolle Lernen lehren, in der Unternehmerrolle ergänzt um Beachtung und fühlbare Aufmerksamkeit. Bueb ist dort ganz Platoniker, der sich der Haltung Sokrates erinnert und die Unterstützung zum "Erkenne Dich selbst" und in Folge zum Kantschen "Sapere aude" als wichtigste Aufgabe sieht. Nicht ist die Vermittlung allein das Maß, das Maß ist der Mensch als Vorbild, als Vertrauensperson im Fördern und Fordern. Da wo die Wirtschaft sich der Notwendigkeit der Führung erinnert und im Können von Führung höchste Qualität zum unternehmerischen Erfolg proklamiert, kann sich Schule und Elternhaus nicht aus der Verantwortung stehlen. Wirtschaft wird dann auch nur da den ganzen Menschen an- und betreffen, wenn der Führungsgedanke vor der Erwartung ökonomischer Interessen gelernt und gelehrt ist und im Sinne des Vorlebens Geltung bekommt.

Bueb geht mit diesem Buch in die zweite Runde seines ersten Buches (Lob der Disziplin). Ihn aber nur dort wieder einzureihen, verliert den Zusammenhang zu anderen aktuellen Diskussionen. Den Gedanken des entwicklungspsychologisch angepassten Umgangs zwischen Erzieher und Erziehenden, zwischen Menschen an sich wird gerade auch bei Michael Winterhoff kontrovers diskutiert. Auf gesellschaftlich-philosophischer Ebene ist in der unseld Reihe gerade auch Die Logik der Sorge: Verlust der Aufklärung durch Technik und Medien erschienen. Hier findet man auch die Umwelt- und Gesellschaftseinflüsse auf Jugendliche in Bezug zu den Erwachsenen und umgekehrt.

Alle Interessen werden verbunden durch die Schlacht für die Intelligenz, durch die Schlacht für die Bildung und durch ein klares Bekenntnis für den zugewandten, liebevollen Umgang mit Heranwachsenden konform zum jeweiligen Entwicklungsstand des Wissens, der Reife, der Bildung und der Psyche. Reifegerechter Umgang ist notwendiger Bestandteil der Führung, sei es im Elternhaus, in Schule oder den Unternehmen. Die Führung als Prinzip und Anleitung zur eigenen Lebensführung wird so gelehrt und gelernt, beherrscht und bedarf vielleicht nicht mehr der Unterstützung asiatischer Kunst aus den Kampftechniken.

Insgesamt ein lesenswertes Buch insbesondere für die Schule und für Lehrer gedacht, aber auch Eltern und Unternehmern/Führungskräften empfohlen. Einige Wiederholungen auch zum Vorgänger mindern, daher eine gute 4-Sterne Neuerscheinung!
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